Horace Walpole und die erste Gothic Novel

Horace Walpole und die erste Gothic Novel

Stellt sich die Frage nach der ersten „gothic novel“, so findet sich in der Gruselstube ein Bericht aus dem 18. Jahrhundert. Blass gedruckt auf brüchigem Papier und gebunden in ein dünnes Büchlein, verrät er neugierigen Lesern, was einen englischen Gentleman dazu brachte, eine Geschichte über Geister, Ritter und alte Geheimnisse zu schreiben.

An einem Abend im Juni des Jahres 1764 saß Horace Walpole aufgeregt an seinem Schreibtisch. Nur das Flackern der Kerzen, sein leiser Atem und das Kratzen seiner Schreibfeder waren zu hören. Seine Bediensteten mieden an diesem Abend das Arbeitszimmer, hatte ihr Herr sich doch den ganzen Tag über seltsam verhalten. Rastlos war er durch die Gänge seines Anwesens Strawberry Hill gewandert. Ein Traum aus der vergangenen Nacht ließ ihn nicht los. „Ich fand mich in einer alten Burg wieder“, schrieb er später in einem Brief. „Und am obersten Geländer eines großen Treppenhauses, sah ich eine gigantische Hand in Rüstung.“

Horace Walpole und die erste Gothic Novel
Horace Walpole / Gemälde von John Giles Eccardt, gemeinfrei

An jenem Abend begann er damit, eine Geschichte aufzuschreiben, die heute als der erste Schauerroman, die erste „gothic novel“, der Welt gilt: „The Castle of Otranto“. Es ist eine Geschichte voller Intrigen, dramatischer Enthüllungen und tragischer Todesfälle. Geister erscheinen, Statuen beginnen zu bluten und ein sterbender Eremit verkündet den Untergang eines Adelsgeschlechtes. Der Schauer dieser Erzählung zeigt sich jedoch nicht in den einzelnen Ereignissen, sondern im Gesamtbild. Eine übernatürliche Macht greift in den Lauf der Dinge ein, mit dem Ziel, vergangene Untaten zu korrigieren. Es ist die Angst, dass einen die Taten der Vergangenheit irgendwann einholen werden, die angesprochen wird. Die unterbewusste Angst davor, dass sich längst verdrängte Fehler irgendwann rächen werden. Dazu passt, dass der Protagonist der Geschichte sich nach kurzer Zeit als Schurke offenbart. Getrieben von den Schatten der Vergangenheit begeht er immer abscheulichere Untaten, bis er im Versehen gar seine eigene Tochter niederschlägt. Am Ende ist er verzweifelt und gebrochen, seine Qual ein erschreckendes Mahnmal für den Leser. 

Von gotischer Kunst zur „gothic novel“

Als Horace Walpole sein Werk vollendet hatte, dämmerte ihm, dass derartigen Geschichten der Ruf der Schundliteratur anhaftet. Geistergeschichten waren nichts, mit denen sich ein statthafter englischer Gentleman hätte beschäftigen sollen – und Walpole war 46 Jahre alt, Mitglied des britischen Parlaments sowie Sohn eines ehemaligen Premierministers. Dabei war der Herr von Strawberry Hill bereits als etwas exzentrischer Förderer der Künste bekannt. Sein Anwesen ließ er nach dem Erwerb umgestalten, inspiriert von den Bauwerken der mittelalterlichen Gotik, um ein „little gothic castle“ zu bewohnen. Dort hatte er auch eine Druckerpresse aufstellen lassen, um die Werke befreundeter Künstler zu verbreiten.  

Strawberry Hill a little gothic castle
Strawberry Hill – „a little gothic castle“ / Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

Dennoch beschloss Walpole, „The Castle of Otranto“, als etwas auszugeben, das es nicht war. Er behauptete, dass er einen alten italienischen Text übersetzt habe. Das Original sei 1529 in Neapel gedruckt worden und würde auf einer Geschichte aus dem Hochmittelalter, der Zeit der Gotik, basieren. Um seine literarischen Aktivitäten komplett zu verschleiern, ließ er das Buch nicht in seiner eigenen Druckerpresse auf Strawberry Hill drucken, sondern von einem anderen Verleger veröffentlichen, versehen mit dem Pseudonym William Marshal.

„The Castle of Otranto“ – a gothic story

Die erste Auflage wurde von den Kritikern gefeiert und als wertvolle Übersetzung einer mittelalterlichen Geschichte gelobt. Die 500 Exemplare – für die damalige Zeit eine gute Menge – waren schnell vergriffen. Ermutigt von diesem Erfolg, bekannte sich Horace Walpole zur Autorenschaft von „The Castle of Otranto“. Im Vorwort zur zweiten Auflage stellte er klar, dass der Text komplett aus seiner Feder stammte und keine Übersetzung oder Neuerzählung einer alten Geschichte sei. Dem Erfolg des Romans tat dies jedoch keinen Abbruch. Statt als mittelalterliche Erzählung aus der Zeit der Gotik wurde er ab der dritten Auflage schlicht als „a gothic story“ verkauft und ein neuer Genrebegriff war geboren.

Das Titelbild der 3. Auflage von The Castle of Otranto - A Gothic Story von Horace Walpole
Das Titelbild der 3. Auflage von The Castle of Otranto – A Gothic Story / gemeinfrei

Mit „The Mysterious Mother“ versuchte sich Horace Walpole einige Jahre später erneut an einer „gothic novel“, doch konnte diese nicht an den Erfolg von „The Castle of Otranto“ anknüpfen und auch die Kritiker nicht überzeugen. Fehlte Walpole ein unheimlicher Traum als Inspiration? Brauchte es ein Bild, so eindrucksvoll, dass es ihn an den Schreibtisch fesselte, bis er seine Geschichte erzählt hatte? Dem Genre widmete sich Walpole danach nie wieder. Sein größter literarischer Erfolgt erschien 1780 und trug den Titel „On Modern Gardening“ – ein Leitfaden für englische Gartenbesitzer. 

Bildnachweise:
Beitragsbild:
„Horace Walpole“, Gemälde von Joshua Reynolds, gemeinfrei / „Horace Walpole“, Gemälde von John Giles Eccardt, gemeinfrei / „Der Haupteingang von Strawberry Hill“, Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei / „Titelblatt der dritten Auflage von ‚The Castle of Otranto’“, gemeinfrei

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