Der Geisterseher – Schillers unvollendetes Werk

Der Geisterseher – Schillers unvollendetes Werk

Getrocknete Wachstropfen bröckeln von einem kleinen Büchlein, als Du es vom Boden der Gruselstube aufhebst. Es ist ein unvollendetes Werk. „Der Geisterseher“, geschrieben von Friedrich Schiller.

Es beginnt im Venedig des 18. Jahrhunderts, zur Karnevalszeit. Zwei adlige Männer aus deutschen Landen schlendern eines Abends maskiert über den Markusplatz. Bei ihnen handelt es sich um einen Fürstensohn, der inkognito in Venedig weilt und um einen Grafen, der mit ihm befreundet ist. Das dichte Gedränge des Tages hat sich bereits aufgelöst, wodurch sie bald eine Gestalt bemerken, die sie anscheinend verfolgt.

Der Geisterseher spielt im alten Venedig
Der Geisterseher spielt im alten Venedig. / Fotografie von annca, Pixabay

Der Mann ist ebenfalls maskiert und trägt armenische Gewänder, weswegen die Freunde vermuten, dass er aus diesem fernen Land stammt. Sie lassen sich auf einer steinernen Bank nieder, um zu sehen, wie ihr Verfolger reagiert. Dieser passiert sie nicht einfach, sondern spricht den Fürstensohn mit dessen wahren Namen an. „Neun Uhr!“, sagt er „Beglückwünschen Sie sich, Prinz. Um neun Uhr ist er gestorben.“ Danach geht die Gestalt weiter.

Wer ist der Armenier?

Dass der Armenier die wahre Identität des Fürstensohnes kennt, beunruhigt diesen, doch der Fremde ist bereits wieder in der Menge verschwunden. Sechs weitere Abende suchen die beiden Adligen vergebens den Maskierten, angetrieben von der Frage, wer eigentlich gestorben sein soll. Schließlich, als sie gerade den Armenier in der Menge ausgemacht haben, erreicht sie einer der Bediensteten des Prinzen mit einer schwarz gesiegelten Botschaft. Der Prinz eilt zu einer nahen Laterne am Rand des Platzes, bricht das Siegel und fängt an zu lesen. „Mein Cousin ist gestorben“, ruft er dem Grafen zu. „Wann?“ fragt dieser sofort. „Vorigen Donnerstag. Vor sechs Tagen. Abends um neun Uhr“, antwortet der Prinz fassungslos.

Dies ist die Uhrzeit, die der Armenier genannt hatte. Darum auch seine Glückwünsche. Durch den Tod seines einzigen Cousins ist der Prinz nun in den zweiten Rang der Thronfolge aufgestiegen. Doch wie konnte dies der Armenier bereits am Todestag wissen, wenn den Verstorbenen sein Schicksal doch weit nördlich der Alpen ereilt hatte?

Der Geisterseher – ein unvollendetes Werk

Mit dieser Szene beginnt Friedrich Schillers „Der Geisterseher“. Diese Geschichte erschien von 1787 bis 1789 in der Zeitschrift „Thalia“. Diese wurde von Schiller selbst herausgegeben. Mit ihr wollte sich der Dichter, der damals ohne feste Anstellung war, seinen Lebensunterhalt sichern. Genau wie Schillers Werk „Don Karlos“, erschien „Der Geisterseher“ episodenhaft in „Thalia“. Im Gegensatz zu dem bekannten Drama blieb die Erzählung jedoch unvollendet.

Dabei war „Der Geisterseher“ durchaus beliebt bei den Lesern. Geisterbeschwörungen, Spiritismus und verschworene Geheimbünde trafen den Nerv der Zeit. Im Zuge der Aufklärung sahen viele Menschen den Zauber in der Welt verschwinden und erfreuten sich an irrationalen Schauergeschichten. Schiller selbst verlor aber irgendwann die Lust an der Geschichte. Er konnte den Reiz des Unerklärlichen nicht nachvollziehen und betrachtete angeblich übernatürliche Phänomene eher skeptisch.

Friedrich Schiller
Friedrich Schiller – eigentlich ein Skeptiker / Gemälde von Anton Graff, gemeinfrei

Im weiteren Verlauf der Geschichte geraten Schillers Figuren jedoch in ungeahnte Situationen. Zunächst gerät der Prinz an einen streitsüchtigen Venezianer, der ihm die Fehde erklärt. Bevor diese jedoch eskalieren kann, bringen Mitglieder der venezianischen Staatsinquisition den Prinzen und seinen Begleiter in ein verborgenes Gewölbe. Dort warten bereits weitere Inquisitoren, aber auch jener Mann, mit dem der Prinz aneinandergeraten war. Nachdem dieser gesteht, dass er aus Rache den Tod des Prinzen geplant hatte, wird er ohne Umschweife und vor den entsetzten Augen der beiden deutschen Adligen, geköpft.

Dieses Ereignis, so schrecklich es auch ist, bleibt nicht das Ungewöhnlichste, was der Prinz in Venedig erleben wird. Der Graf und er schließen sich einer Clique weiterer Edelleute und Würdenträger an. In diese Gesellschaft kommt auch ein sizilianischer Mann, der sich selbst als Magier bezeichnet. Dieser prahlt damit, dass er die Geister der Toten beschwören könne. Er sei ein Geisterseher. Der Prinz verlangt einen Beweis dieser Fähigkeit und nennt dem Sizilianer einen Verstorbenen, den er gerne sprechen möchte. Dabei handelt es sich um einen alten Kameraden des Prinzen aus Kriegszeiten. Dieser verstarb an den Folgen einer Schlachtwunde. Sein letzter Satz blieb unvollendet, weswegen der Prinz nun erfahren möchte, was sein Freund ihm auf dem Totenbett sagen wollte.

Die Schrecken einer Totenbeschwörung

Der Magier nimmt die Herausforderung an und beginnt mit einer makaberen Geisterbeschwörung, für die ein Altar vorbereitet wird, auf dem sich ein Totenkopf, eine alte Bibel und ein silbernes Kruzifix befinden. Das Licht eines Kelches, in dem Spiritus brennt, erhellt den Raum dürftig. Schwaden von Räucherwerk hängen zudem verdunkelnd in der Luft. Das Gesicht nach Osten gerichtet, spritzt er Weihwasser in alle Himmelsrichtungen und neigt sich dreimal in Richtung der Bibel auf dem Altar. Seine Worte bleiben für die Zuschauer unverständlich. Einzig gegen Ende des Rituals gibt er klare Worte von sich und ruft dreimal den Namen des Verstorbenen. Plötzlich erschüttert ein Donnerschlag das gesamte Anwesen und löscht das flackernde Licht im Kelch. Im Halbdunkel neben dem Kamin erscheint nun eine blasse, menschliche Gestalt, ein blutiges Hemd tragend. „Wer ruft mich?“, fragt sie mit heiserer Stimme. „Dein Freund“, antwortet der Beschwörer und deutet auf den Prinzen.

Anwesen
In einem abgeschiedenen Anwesen wirkt der Geisterseher… / Fotografie von Pixel2013, Pixabay

Doch bevor der Geist zu sprechen beginnen kann, erbebt das Haus erneut und das Licht fängt wieder an zu brennen. Dieses Mal ist es die Eingangstür, an der eine unheimliche Gestalt erscheint. Blass und blutig wie der erste, aber im aufflackernden Licht schrecklicher anzusehen. „Wer ist unter uns?“, fragt der Magier entsetzt, während die zweite Gestalt sich dem Altar nähert. Die erste hingegen scheint verschwunden. „Wer ruft mich?“, entgegnet der Geist hohl, als er vor den Magier tritt. Dieser, in Panik geratend, reißt dem Grafen dessen Pistole aus der Hand und schießt auf die blasse Gestalt. Als die Kugel jedoch keinen Schaden anrichtet, verzweifelt der Sizilianer und bricht ohnmächtig zusammen.

Der Prinz indes, erkennt in der Gestalt seinen verstorbenen Freund und Kameraden. „Woher kommst Du?“, fragt er ihn. „Die Ewigkeit ist stumm“, entgegnet dieser. „Frage mich, was Du fragen willst.“ Es stellt sich heraus, dass der Verstorbene eine uneheliche Tochter hatte, die in einem Kloster in Flandern lebt. Dies wollte er seinem Freund auf dem Totenbett mitteilen. Dem Prinzen gibt der Geist, bevor er entschwindet, den Ratschlag, nach Rom zu gehen. Dort würde er Antworten auf die mysteriösen Ereignisse der letzten Tage finden.

Eine Nachricht aus dem Jenseits

Abermals ertönt ein Donnerschlag und der Geist verschwindet in einer schwarzen Rauchwolke. Der Graf öffnet die Fensterläden und stellt fest, dass draußen bereits der Morgen dämmert. Im Licht der Sonne gelangt der Totenbeschwörer wieder zu Bewusstsein. Doch ein russischer Offizier, der neuerdings zum Bekanntenkreis des Prinzen zählt, fährt ihn direkt an: „Taschenspieler! Du wirst keinen Geist mehr rufen.“ Der Prinz und der Graf erschaudern, als sie in dem vermeintlichen Russen den Armenier, den wahren Geisterseher, wiedererkennen.

Plötzlich dringen bewaffnete Männer in das Anwesen. Sie stellen sich als Gerichtsdiener heraus und wollen die gesamte Gesellschaft festsetzten. Auf einige geflüsterte Worte des Armeniers hin, entschuldigt sich der Anführer dieser Häscher jedoch: „Vergeben Sie mir, meine Herren, dass ich Sie mit diesem Betrüger gleichsetzte. Jener Herr versicherte mir soeben, dass ich Männer von Ehre vor mir habe.“

Doch der Armenier ist im Trubel bereits verschwunden, während der Sizilianer wegen Hochstapelei verhaftet wird. Es stellt sich heraus, dass alles nur inszeniert war. Selbst der Hausbesitzer und dessen Diener waren eingeweiht. Das gesamte Haus war so präpariert, dass dort augenscheinliche Geisterbeschwörungen stattfinden konnten. In einer geheimen Kammer finden der Prinz und seine Begleiter einen Mann, der als Geist verkleidet, die erste Gestalt mimte. Das Erscheinen des zweiten Geistes, dessen Herkunft ungeklärt bleibt, brachte ihn an den Rand des Wahnsinns.

Tage später suchen der Prinz und der Graf den inhaftierten Sizilianer auf. Der vermeintliche Magier erzählt ihnen, dass ihm der Armenier schon einmal begegnet ist. Bei ihm soll es sich um einen alterslosen okkulten Meister handeln, der bereits seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, um die Welt zieht. Der Graf zeigt sich beeindruckt von dieser Offenbarung, doch der Prinz bleibt skeptisch. Ist dies alles vielleicht Teil einer noch größeren Inszenierung?

Geisterseher oder Verschwörer?

Schillers Werk blieb unvollendet und viele offene Fragen somit unbeantwortet. Trotz seiner anfänglichen Skepsis gerät der Prinz in den folgenden Monaten zunehmend in die Kreise einer Geheimgesellschaft. Der Graf fürchtet um das Wohlbefinden seines Freundes, weilt aber für einige Monate nicht in Venedig. Als er zurückkehrt, erfährt er, dass der Prinz zum Katholizismus konvertiert sei. An der Seite des Armeniers sei der Adelsspross nun glücklich. War alles am Ende nur eine Intrige, um den Erben eines protestantischen Fürstentums zum Katholizismus zu bekehren?

Kirche am Kanal
Steckt hinter allem eine Verschwörung der Kirche? / Fotografie von Pixel2013, Pixabay. 

Die Erzählung endet an dieser Stelle und lässt die Frage somit offen. Doch dies scheint auch passend, da der Graf, durch dessen Augen wir die Geschichte erfahren, ebenfalls keine zufriedenstellende Antwort erhält. Er scheitert an den Barrieren, welche die Verschwörer zwischen ihm und seinem einstigen Freund errichtet haben. Wer steckte wirklich hinter dem Armenier, dem hingerichteten Venezianer und der Geistererscheinung? Solange es keine rationale Erklärung gibt, bleibt das Irrationale möglich. Es ist diese Spannung, die den Geisterseher auch heute noch wohlige Schauer verbreiten lässt.

Bildnachweise:
Beitragsbild:
„Der Prinz“, Zeichnung von Conrad Geyer nach Arthur von Ramberg, gemeinfrei / „Venice“ Fotografie von annca, Pixabay / „Friedrich Schiller“, Gemälde von Anton Graff, gemeinfrei / „Bruges Park Avenue“, Fotografie von Pixel2013, Pixabay / „Bruges Historically“ Fotografie von Pixel2013, Pixabay. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.