Robert Louis Stevenson – Die Geschichte vom Leichenräuber

Robert Louis Stevenson – Die Geschichte vom Leichenräuber

In einer staubigen Ecke der Gruselstube findet sich der Bericht eines Verlorenen. Zusammengefasst von Robert Louis Stevenson ist es die Geschichte eines Sonderlings, eines Ausgestoßenen. Es ist die Geschichte vom Leichenräuber. Sie beginnt im viktorianischen London und endet im Schrecken.

Jede Nacht kommen sie und klopfen an seine Tür. Jede Nacht bringen die wortkargen Männer dem Medizinstudenten Fettes eine frische Leiche. Manchmal erscheinen ihm die Körper zu frisch, doch er wagt es nicht, die zwielichtigen Kerle zu fragen, wo sie die Toten finden. Für seinen Professor, über dessen Sezierkammer Fettes wohnt, bezahlt er sie jede Nacht für die gelieferte Ware.

Doch dann, eines Nachts, stockt ihm beinahe der Atem, als er den neuen Leichnam erblickt. Es handelt sich um den Körper seiner Bekannten Jane Galbraith. Gestern erst hatte er noch mit ihr gescherzt, jetzt liegt sie tot vor ihm. Er bezweifelt, dass die junge Frau eines natürlichen Todes gestorben ist. „Sie irren sich, mein Herr“, raunt ihm einer der Männer schelmisch zu, während ein anderer Fettes bedrohlich anfunkelt und das Geld verlangt. Der Student gehorcht und die Männer verschwinden in der Nacht. Fettes, alleine mit der Leiche, untersucht sie und erkennt, dass Jane Galbraith erwürgt worden sein muss.

Am nächsten Tag spricht Fettes über das Geschehene mit Wolfe Macfarlane, einem jungen Arzt, der ebenfalls für den Professor tätig ist. Macfarlane rät Fettes, das Ereignis zu ignorieren und darüber stillzuschweigen. Schließlich sei er selbst schon tief in die Sache verstrickt. Außerdem ist Macfarlane sich sicher: „Mein guter Fettes, all unsere Subjekte wurden ermordet.“ Fettes ist entsetzt und mag diese Enthüllung nicht glauben. Doch seine Arbeit für den Professor setzt er fort.

Der Leichenräuber – Eine Geschichte aus der Feder von R. L. Stevenson

Robert Louis Stevenson schreibt die Geschichte um den Leichenräuber Fettes im Juni des Jahres 1881. Eigentlich wollte er eine ganze Reihe von Gruselgeschichten schreiben, um diese gemeinsam mit seiner Ehefrau in einem Sammelband zu veröffentlichen. In dieser Zeit entstehen auch die morbiden Geschichten „Die tollen Männer“ (engl. „The Merry Men“) und „Die krumme Janet“ (engl. „Thrawn Janet“), die zunächst im „Cornhill Magazine“ erscheinen. „Der Leichenräuber“ (engl. „The Body-Snatcher“) behält Stevenson zunächst jedoch für sich. Die Geschichte kommt selbst ihrem Autor inzwischen zu abstoßend und erschreckend vor.

Robert Louis Stevenson (1885)
Robert Louis Stevenson (1885) / Fotografie von Lloyd Osbourne, gemeinfrei

So wie Fettes seine Arbeit fortsetzt, steigert sich auch sein Unbehagen mit seiner Tätigkeit. Eines Abends trifft er Macfarlane in einer Taverne, wo dieser gemeinsam mit einem Fremden sitzt, der sich als Mr. Gray vorstellt. Gray, so bemerkt Fettes bald, scheint Macfarlane auszunutzen. Aus irgendeinem Grund scheint der Fremde Macht über den jungen Arzt zu haben, lässt diesen seine Rechnungen begleichen und kommandiert ihn bei jeder Gelegenheit herum. „Ich bin schon ein ziemlich schlimmer Finger“, raunt Gray irgendwann Fettes zu, „aber Macfarlane hat es faustdick hinter den Ohren.“

Nachdem Fettes wieder zuhause ist und dort die nächste Lieferung erwartet, klopft es wie erwartet an seiner Tür. Doch dieses Mal stehen dort nicht die üblichen Lieferanten, sondern – zu Fettes großer Überraschung – Macfarlane. Dieser bringt einen frischen Leichnam, was Fettes doch sehr verwundert. Als er jedoch in das Gesicht des Verstorbenen blickt, erahnt er, welches schreckliche Verbrechen stattgefunden haben muss. Er erkennt, dass es sich bei dem Leichnam vor ihm um Mr. Gray handelt, der wenige Stunden zuvor noch quicklebendig war. Fettes ist sich sicher, dass Macfarlane seinen Peiniger ermordet haben muss.

Fettes gibt schließlich nach und hilft Macfarlane dabei, sein offensichtliches Mordopfer beiseite zu schaffen. Wenn Grays Leichnam erst einmal auf dem Seziertisch liegt, wird niemand mehr Fragen stellen. Fettes verzweifelt: „Was habe ich getan und wann hat es begonnen?“, fragt er in den Raum hinein. Macfarlane antwortet: „Was ist dir denn schon schlimmes passiert? Was wird dir schlimmes passieren? Du musst doch einfach nur den Mund halten.“ So geschieht es schließlich auch in den nächsten Tagen. Fettes und Macfarlane bewahren Stillschweigen, sodass niemand ahnt, woher der Leichnam stammt. Um die Tat vollends zu verschleiern, wird Grays Kopf abgetrennt und einem Studenten namens Richardson übergeben, der schon lange einmal dieses Körperteil genauer untersuchen wollte.

Schauer vom Autor der „Schatzinsel“

Schließlich veröffentlicht Robert Louis Stevenson doch noch „Der Leichenräuber“. Die „Pall Mall Gazette“ sucht im Jahr 1884 nach Geschichten für ihre Weihnachtsausgabe. Dem Redakteur beschreibt Stevenson seine Erzählung als „blutgerinnend genug, ekelhaft genug, um selbst einen abgebrühten Grenadier in Schrecken zu versetzen“. Durch die Veröffentlichung des späteren Jugendbuchklassikers „Die Schatzinsel“ ist der Autor inzwischen zu einem bekannten Schriftsteller geworden, sodass dem Redakteur der Name von Stevenson auf dem Titelblatt verlockend erscheint. Das Magazin sagt zu und macht sich die grauenhafte Geschichte für die Vermarktung der Weihnachtsausgabe zunutze. Poster werden in London aufgehängt, die so beunruhigend und frevelhaft sind, dass die Polizei sie verbietet. Unter anderem zeigen sie die Szene aus dem schauerlichen Finale der Geschichte.

Auf einem abgelegenen Friedhof erwartet die Leichenräuber ihr Verhängnis...
Auf einem abgelegenen Friedhof erwartet die Leichenräuber ihr Verhängnis… / Fotografie von bernswaelz, Pixabay

Fettes hat sich inzwischen mit seinen Taten abgefunden und arbeitet weiterhin mit Macfarlane zusammen. Der Professor schickt die beiden los, um eine Leiche auszugraben, die kürzlich erst im kleinen Ort Glencorse beerdigt wurde. Der abgelegene Friedhof bietet eine gute Gelegenheit zum Leichenraub. Die beiden Männer gehorchen und gehen der Aufgabe nach, die ansonsten eher die niederen Handlanger des Professors übernehmen.

Kaum haben sie den Leichnam einer verstorbenen Bäuerin ausgehoben und, in weiße Laken eingewickelt, auf ihre Kutsche verfrachtet, beschleicht Fettes ein ungutes Gefühl. Während sie in der kalten Nacht zurück in die Stadt fahren, fangen die Hunde der umliegenden Höfe an zu heulen. Regeln fällt dicht und unnachlässig, sodass die beiden Männer Schwierigkeiten haben, die Straße vor ihnen zu erhellen. Dann fällt Fettes auf, dass etwas mit dem Leichnam nicht stimmt. Unter den nassen Laken scheint er sich verformt zu haben, wirkt größer – und männlicher.

„Um Gottes Willen“, stößt Fettes heiser hervor. „Um Gottes Willen, wir brauchen mehr Licht.“ Macfarlane stoppt die Kutsche und holt eine weitere Lampe hervor. „Das ist keine Frau“, sagt er leise zu Fettes. „Es war eine Frau, als wir sie einwickelten“, entgegnet dieser. „Halt die Lampe“, bittet Macfarlane seinen Gefährten und greift nach dem Stoff, der das Gesicht der Leiche verhüllt. Als er ihn zur Seite zieht, können beide Männer nicht glauben, was sie dort vor sich sehen. Ein Schrei schallt durch die Dunkelheit und das in Panik geratene Pferd galoppiert samt Kutsche davon, während Fettes und Macfarlane, die Leichenräuber, schockiert zurückbleiben. Hinten, auf der Ladefläche, liegt der tote aber intakte Körper von Mr. Gray.

Bildnachweise:
Beitragsbild: „Robert Louis Stevenson“, Gemälde von John Singer Sargent, gemeinfrei / „Robert Louis Stevenson“ Fotografie von Lloyd Osbourne, gemeinfrei / „Friedhof“, Fotografie von bernswaelz, Pixabay

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