H.P. Lovecraft – Dagon, Grundstein des Cthulhu-Mythos

H.P. Lovecraft – Dagon, Grundstein des Cthulhu-Mythos

In einer klammen Ecke der Gruselstube findest Du einige vergilbte Seiten. Mit zittriger Handschrift ist darauf eine beunruhigende Geschichte verfasst worden. Der Autor H.P. Lovecraft gibt den Bericht eines verzweifelten Seemanns wieder. Den Bericht über ein Wesen namens „Dagon“.

Seit Tagen ist der Matrose schon auf der Flucht. Ein deutsches Kaperschiff hat den Dampfer aufgebracht, mit dem er in einer abgelegenen Region des Pazifiks kreuzte. Es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs und die Deutschen wollten sich diese Beute nicht entgehen lassen.

In einem Beiboot konnte der Matrose aus der Gefangenschaft fliehen und rudert nun um sein Leben. Er weiß, dass es in der Nähe keine Inseln gibt und er sich weit abseits der üblichen Schiffsrouten befindet. Umso größer ist seine Verwunderung, als er schließlich auf Land stößt. Noch seltsamer ist, dass der modrige Strand sich bis zum Horizont erstreckt und mit toten, verwesenden Fischen übersät ist.

Ein Alptraum aus der Feder von H.P. Lovecraft

Howard Philips Lovecraft ist Mitte Zwanzig, als er „Dagon“ verfasst. Der schüchterne Autor hat bisher zurückgezogen gelebt, ist aber seit einiger Zeit Mitglied der United Amateur Press Association. Der Austausch mit anderen Autoren in dieser Vereinigung beflügelt seine Kreativität und motiviert ihn schließlich, aktiver zu werden und neue Werke zu veröffentlichen. „Dagon“ ist eine der ersten dieser Geschichten und legt den Grundstein für das, was später als Cthulhu-Mythos bekannt werden wird.

H.P. Lovecraft - Der Autor von "Dagon"
H.P. Lovecraft – Der Autor von „Dagon“

Diese neue Landmasse muss sich aufgrund vulkanischer Aktivitäten über den Meeresspiegel erhoben haben, schlussfolgert der gestrandete Matrose. Nach drei Nächten voller seltsamer Träume beschließt er, die Umgebung zu erkunden. Der schlammige Boden ist in der Sonne etwas getrocknet und begehbar geworden. Dafür stinken die toten Fische inzwischen bestialisch.

Nach einem Tag der Wanderung erreicht er einen hohen Hügel und erblickt von dessen Spitze eine bizarre Landschaft. Inmitten tiefer Krater, deren Gründe kaum vom Mondlicht berührt werden, erhebt sich ein urtümlicher Monolith. Die Felsnadel ist übersät von archaischen Zeichnungen und fremdartigen Schriftzeichen.

„Dagon“ ist nur eine von vielen unvorstellbaren Wesenheiten

Lovecraft ist fasziniert von den Tiefen des Ozeans. Doch es ist keine freudige Neugier, sondern irritierter Ekel angesichts der fremdartigen Lebewesen aus unerforschten Tiefen. Diese Furcht vor dem Fremden zieht sich durch Lovecrafts Geschichten. Sie ist es, die insbesondere den Cthulhu-Mythos so faszinierend macht. Unvorstellbare Wesenheiten, mit denen wir Menschen uns die Erde und das gesamte Universum teilen, bringen unser Weltbild ins Wanken. Uns wird klar, dass wir angesichts ihrer abscheulichen, chaotischen Macht, nicht mehr sind als Ameisen unter ihren Füßen.

Auch der Matrose erschaudert bei ihrem Anblick. Das gigantische Wesen, was er zunächst nur als Abbildung auf dem Monolithen erblickte, erhebt sich vor seinen Augen aus der Finsternis. Die Haut von glitschigen Schuppen übersät, zieht sich das unwirkliche Wesen am Monolithen hoch, heiser jauchzend und widerwärtige Laute ausstoßend.

Tiefseewesen
Was lauert in der Tiefe des Meeres?

Der Matrose verfällt dem Wahnsinn und taumelt im Delirium zu seinem Boot zurück. Wie er es zurück in die Zivilisation schafft, weiß er nicht. Doch die Erinnerung an das Ding verfolgt ihn bis in seine Träume. Die Angst, dass sich die Wesen der Tiefe eines Tages erheben und die vom Krieg geschwächte Menschheit auslöschen, lässt ihn verzweifeln und drogenabhängig werden.

100 Jahre Cthulhu-Mythos

Lovecraft verfasst „Dagon“ im Sommer 1917. Zwei Jahre später, im November 1919, wird die Geschichte schließlich veröffentlicht. In der Zeitschrift „The Vagrant“ beginnt vor 100 Jahren das, was heute als Cthulhu-Mythos bezeichnet wird. Dieser Name stammt von einer anderen Wesenheit, die Lovecraft einige Jahre später für die Kurzgeschichte Cthulhus Ruf erschaffen wird. Erste Ansätze dieser Figur lassen sich bereits bei der Kreatur aus „Dagon“ finden.

Diese Kreatur ist es auch, deren Anblick den armen Matrosen nicht loslässt. Als ihm die Drogen ausgehen, beschließt er, seinem Leben ein Ende zu setzen. Am Ende seines Lebens verfasst er einen Bericht über seine Erlebnisse, wohl wissend, dass er nur wenig glaubhaft sein wird. Die Erzählung endet damit, dass der Seemann meint, vor seiner Tür ein Wesen zu hören. Einen glitschigen Leib, der sich dagegen drückt. Der Matrose ist sich sicher, dass sie nun kommen, um ihn zu holen. Ihm bleibt nur ein Ausweg: Der Sprung aus dem Fenster und in den Tod.

Bildnachweise:
Beitragsbild:
Dagon“, Bild von David Garcia Forés, CC BY-SA 3.0 / H.P. Lovecraft, Fotografie von unbekannt, gemeinfrei / „Oktopus“, Fotografie von mrganso, Pixabay

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