Clara Reeve – Die Tochter des Reverends

Clara Reeve – Die Tochter des Reverends

In der Gruselstube findet sich ein Regal, an dessen Seite ein verwittertes Schild angeschraubt ist. „Gothic Fiction“ ist darauf zu lesen. Den Anfang in der Reihe macht Horace Walpole. Auf ihn folgt Clara Reeve mit The Old English Baron. Passt die Tochter eines Reverends in diese Reihe?

Was ist eigentlich „gothic fiction“? Der Begriff stammt aus dem späten 18. Jahrhundert und beschrieb ursprünglich Schauergeschichten, die im Mittelalter spielen. Die erste Geschichte dieser Art war The Castle of Otranto von Horace Walpole. Einige Jahre später bezeichnete die Autorin Clara Reeve ihre Erzählung The Old English Baron ebenfalls als „gothic story“. Doch was macht eine solche Geschichte überhaupt aus? Und wer war diese Frau, die in der Mitte ihres Lebens einen Schauerroman verfasste?

Am 23. Januar 1729 wird Clara Reeve in Ipswich im Osten Englands geboren. Als Tochter des örtlichen Reverends William Reeve erhält sie durch ihren Vater eine für damalige Mädchen unübliche Ausbildung. Neben zeitgenössischer Literatur lässt er sie lateinische und altgriechische Schriften studieren. Dadurch kann sie später als Übersetzerin ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen und ist nicht auf das Einkommen eines Mannes angewiesen. Bis an ihr Lebensende bleibt sie unverheiratet und stirbt 1807 in ihrem Geburtsort Ipswich.

Clara Reeve (1729-1807) / Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

Neben ihrer Tätigkeit als Übersetzerin schreibt sie an eigenen Romanen und beschäftigt sich mit Literaturgeschichte. Als 1764 The Castle of Otranto erscheint, fühlt sie sich herausgefordert, selbst eine „gothic story“ zu schreiben. Das Ergebnis ist The Champion of Virtue und erscheint im Jahr 1777 zunächst anonym. Es folgt 1778 eine überarbeitete Version unter dem Titel The Old English Baron, bei der Clara Reeve auch als Autorin angegeben wird. Genau wie Walpole täuscht sie anfangs vor, bei der Erzählung handle es sich um die Übersetzung eines mittelalterlichen Textes, offenbart sich nach dem Erfolg der ersten Auflage jedoch als Autorin.

The Old English Baron – ein Ausflug ins Mittelalter

Auch The Old English Baron spielt im Mittelalter. Durch die Heimkehr des Ritters Phillip Harclay wird eine Kette von Ereignissen ausgelöst, durch die schließlich verborgene Familiengeheimnisse enthüllt werden. Im Gegensatz zu The Castle of Otranto fehlt jedoch ein übernatürliches Element, was von der Autorin auch so gewollt ist, weswegen sie nur bedingt zu den Gruselautoren zu zählen ist.

Im Vorwort zu The Old English Baron gibt Reeve an, dass sie glaubwürdige Geschichten bevorzugt. Gleichzeitig kritisiert sie The Castle of Otranto dafür, dass es an manchen Stellen die Grenzen der Realität verlasse. Dies veranlasst Horace Walpole widerum zu der Erwiderung, dass Reeves Werk „so glaubwürdig (sei), dass jeder Mordprozess im Old Bailey (Zentraler Strafgerichtshof in London) eine interessantere Geschichte wäre.“

Die Geschichte spielt im mittelalterlichen England. In ihr geht es um den Ritter Phillip Harclay, The Champion of Virtue, wie die erste Ausgabe von Clara Reeves „gothic story“ betitelt ist. Er kehrt von einer mehrjährigen Reise zurück und erfährt vom Tod seines Freundes Arthur Lovel. Wie er später in Erfahrung bringt, wurde dieser von seinem Cousin Walter Lovel ermordet, der dadurch an die Ländereien seines Verwandten kam. Das meiste davon hat er inzwischen an seinen Schwager, den Baron Fitz Owen verkauft. Er wiederum, The Old English Baron, gibt der Neuauflage ihren Titel.

Edle Ritter als Licht in der Finsternis

Fitz-Owens Söhne sind mit dem jungen Edmund Twyford befreundet, welcher der Sohn eines auf ihrem neu erworbenen Land lebenden Bauern ist. Harclay erkennt in Edmund jedoch eine Ähnlichkeit zu seinem verstorbenen Freund Arthur Lovel. Schließlich enthüllt Harclay das Geheimnis, dass Edmund tatsächlich Arthur Lovels Sohn und damit rechtmäßiger Erbe der Ländereien ist, über die nun Fitz-Owen und dessen Söhne herrschen.

Titelbild von The Old English Baron (1778) / Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

Der folgende Konflikt, den Edmund dank seiner ritterlichen Tugenden übersteht, ist rein weltlicher Natur. Zur Zeit von Clara Reeve ist „gothic fiction“ noch nicht mit übernatürlichem Schauer verbunden. Auch wenn stellenweise der kalte Wind durch alte englische Gemäuer weht, ist es in erster Linie der mittelalterliche Hintergrund, vor dem die Geschichte stattfindet, der sie zu einer „gothic story“ macht. Damit greift Clara Reeve Motive der späteren Romantik vorweg, gestaltet aber keine Gruselgeschichte im eigentlichen Sinne.

Dennoch bleibt The Old English Baron, entgegen Walpoles Urteil, spannend und interessant zu lesen. Im finsteren Mittelalter stellen sich tugendhafte Ritter dem Bösen entgegen. Die moralischen Konflikte, in die sie hineingeraten, lösen sie getrieben von ihren Prinzipien. Dies ist für moderne Leser nicht immer ganz nachvollziehbar und wirkt manchmal fast schon fremdartig, wodurch sich schließlich eine ganz eigene Spannung entfaltet.

Bildnachweise:
Beitragsbild: „Stirling Castle“, Fotografie von shilmar, Pixabay / „Clara Reeve“, Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei / Titelbild von „The Old English Baron“, Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.