William Beckford – Vathek, die Versuchung des Kalifen

William Beckford – Vathek, die Versuchung des Kalifen

In der Gruselstube findest Du ein altes Buch, dessen Einband prächtig verziert ist. Zwischen orientalischen Mustern siehst Du den sorgfältig eingravierten Namen der Geschichte. Es ist Vathek, geschrieben von einem Mann namens William Beckford.

Vathek ist der neunte Kalif aus der Dynastie der Abbasiden. Bereits in jungen Jahren erlangt er den Thron nach dem Tod seines Vaters. Er ist berüchtigt für seinen Jähzorn und sein sexuelles Verlangen. Doch auch ein unstillbarer Hunger nach Wissen treibt ihn an. Zahlreiche Gelehrte lässt er an seinen Hof rufen, doch keiner von ihnen vermag es, den jungen Kalifen zufrieden zu stellen.

Eines Tages wird Vathek jedoch von einem zwielichtigen Händler aus Indien aufgesucht. Der Kalif kauft dem Fremden leuchtende Säbel ab, in deren Klingen unbekannte Zeichen eingraviert sind. Nach dem erfolgreichen Geschäft lädt Vathek den Händler zum gemeinsamen Mahl ein. Doch dieser schweigt seinen Gastgeber an, was den Zorn des Kalifen weckt. Der Fremde landet daraufhin im finsteren Kerker unter Vatheks Palast.

Der Wissensdurst des Kalifen kennt keine Grenzen

Am nächsten Tag ist der Händler verschwunden und seine Bewacher sind tot, ohne das zu erkennen wäre, was ihr Ableben verursacht hat. Vatheks Mutter, Carathis, die einen Sternendeuterin ist, weist ihren Sohn darauf hin, dass eine Prophezeiung von einem weisen Fremden kündet, der einst am Hof des Kalifen erscheinen wird. In seinem Zorn habe Vathek sich nun der Gelegenheit beraubt, von diesem Gelehrten zu lernen. Vathek lässt sich davon nicht beirren und beginnt damit, die Schriftzeichen auf den glimmenden Säbeln zu entziffern. Noch ahnt er nicht, dass dies erst den Anfang einer Reise darstellt, die ihn in ewige Verdammnis führen wird.

William Beckford ist 21 Jahre alt, als er Vathek verfasst. Er steht ganz unter dem Eindruck einer fantasievoll inszenierten Weihnachtsfeier, die er in seinem Familiensitz Fonthill bei Salisbury veranstaltet hat. Beckford ist jung, verfügt aber einen bereits immensen Reichtum, den er von seinem Vater geerbt hat, der in Übersee mehrere Plantagen besaß.

William Beckford (1760-1844)
William Beckford (1760-1844) / Gemälde von Joshua Reynolds, gemeinfrei

Das Geld weiß William Beckford einzusetzen und lässt den Bühnenbildner Philip James de Loutherbourg zu Weihnachten 1781 ein nie gesehenes Bühnenbild und Lichtspiel inszenieren, das die auserlesenen Gäste in eine orientalisch-satanische Fantasiewelt entführt. Loutherbourg lässt sich von den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht und John Miltons Paradise Lost inspirieren, um ein nie gesehenes Spektakel zu schaffen.

William Beckford verarbeitet seine Eindrücke in Vathek. Er verfällt einem kreativen Rausch und schreibt die Erzählung in drei Nächten und zwei Tagen nieder. Ganz so, wie Vathek sich der Erforschung der leuchtenden Säbel widmet. Wieder lässt der junge Kalif mehrere Gelehrte an seinen Hof einladen, um die fremden Zeichen zu entschlüsseln. Ein alter Mann ist es schließlich, der entziffern kann, dass die Säbel an einem Ort geschmiedet worden sein müssen, an dem noch größere Wunder warten.

Leuchtende Säbel weisen Vathek den Weg

Am nächsten Tag haben sich die Zeichen jedoch auf unerklärliche Weise verändert. Sie warnen davor, nach ihrer Herkunft zu forschen, da Sterbliche dessen nicht würdig seien. So übersetzt es der alte Mann, auf den sich der Zorn des Kalifen nun richtet. Aufgebracht von der arroganten Warnung, die nun auf den Säbeln zu finden ist, sucht Vathek jemanden, an dem er seine Wut auslassen kann. Doch der alte Mann kann fliehen und bleibt unauffindbar.

Vathek begibt sich trotzdem auf die Suche nach dem Ursprung der leuchtenden Säbel. Angetrieben von einem unerklärlichen Durst, streift er durch die Lande. Schließlich findet der Kalif den Händler, der ihm einst die Säbel verkaufte. Nun bietet er ihm einen Trank an, der sein Verlangen stillen soll. Es funktioniert und Vathek holt den Fremden, einen Ungläubigen, dauerhaft an seinen Hof.

William Beckford verfasst Vathek zunächst auf Französisch. Der reiche Weltenbummler fühlt sich in der romanischen Sprache sicher und greift zu diesem Kniff, um die Herkunft der Geschichte zu verschleiern. Er lässt den geistlichen Samuel Henley die Schrift ins Englische übersetzen und behauptet, einen originalen orientalischen Stoff gefunden zu haben. Genau wie es Horace Walpole einige Jahre vor ihm mit The Castle of Otranto, der ersten gothic novel, tat, behauptet auch William Beckford, dass es sich um einen alten Stoff handle. Vathek erscheint schließlich erstmal im Jahr 1786, ohne, dass Beckford als Autor genannt wird.

William Beckford – ein Autor im Exil

Der Schriftsteller befindet sich zu jener Zeit gar nicht mehr in England. Der bisexuelle William Beckford soll eine Affäre mit dem minderjährigen William Courtenay gehabt haben. Um einem Skandal zu entgehen, reist er für einige Jahre durch Europa. Erst 1791, nachdem seine Ehefrau Lady Margaret Gordon im Kindsbett verstirbt, kehrt er nach England zurück und lässt sich erneut in Fonthill nieder. In den folgenden Jahren baut er das Anwesen zu einem prächtigen neogotischen Herrenhaus aus, das von einem über hundert Meter hohen Turm gekrönt wird. Es wird zu einem der eindrucksvollsten englischen Bauten des 19. Jahrhunderts und erhält den neuen Namen Fonthill Abbey.

Fonthill Abbey
Fonthill Abbey / Zeichnung von T. Higham u. Z. Martin, gemeinfrei.

Auch Vathek jagt seinem Verlangen hinterher. Schließlich entlockt er dem Händler, wie er an den Ort gelangen kann, an dem die Säbel geschmiedet wurden. Der Giaour, der Ungläubige, wie der Händler im weiteren Verlauf der Geschichte genannt wird, verlangt von Vathek jedoch mehrere Gegenleistungen. Die grauenhafteste davon ist die Opferung von 50 Kindern, die der Kalif durch ein magisches Portal des Giaour einem ungewissen Schicksal entgegenschickt.

Nach dieser Tat wird Vathek von seinen Untertanen verstoßen. Auf Geheiß des Giaour spricht sich der entthronte Kalif vom Islam los und begibt sich auf die Suche nach dem Palast der Flammen, in dem der mächtige Eblis herrscht. Neben weiteren leuchtenden Säbel soll sich dort auch noch größere Macht befinden. Macht, mit der ein einzelner Mann die gesamte Erde beherrschen kann.
Vathek erreicht schließlich den Palast der Flammen – die Hölle. Dort findet er zwar unendliche Macht, doch sie bleibt ihm verwehrt. Stattdessen erfährt er für seine Untaten seine gerechte Strafe. Dem selbstsüchtigen Kalifen wird schlagartig seine Schuld bewusst. Gleichzeitig wird ihm klar, dass er nun eine Ewigkeit in den strafenden Flammen der Hölle verbringen muss. Von dieser niederschmetternden Erkenntnis gerührt, lässt er alle Hoffnung fahren und ergibt sich seinem Schicksal.

Ewige Verdammnis wartet auf Vathek

William Beckfords ererbtes Vermögen schwindet zusehends. 1822, über 40 Jahre nach dem Erscheinen von Vathek, als dessen Autor er sich inzwischen bekennt, verkauft Beckford Fonthill Abbey und zieht nach Bath. Das Anwesen ist ohnehin baufällig. 1825 stürzt der gigantische Turm um, wodurch ein Teil des westlichen Flügels verwüstet wird. William Beckford verfolgt den Verfall aus der Ferne. 1844 verstirbt er im Alter von 84 Jahren in Bath. Ein Jahr später beginnt der vollständige Abriss von Fonthill Abbey, ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen von Vathek, dessen Protagonist noch immer in ewiger Verdammnis leidet.

Bildnachweise:
Beitragsbild: „1001 Nacht“, Zeichnung von Quentin088, Pixabay / „William Beckford 1782“, Gemälde von Joshua Reynolds, gemeinfrei / „Fonthill Abbey im Jahre 1823 von Westen aus gesehen“, Zeichnung von T. Higham u. Z. Martin, gemeinfrei.

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