Mary Shelley – Die Legende von Frankenstein

Mary Shelley – Die Legende von Frankenstein

In einer kalten Ecke der Gruselstube steht eine seltsame Apparatur. Welchem Zweck sie einst gedient hat, vermagst Du nicht zu sagen, doch Du erkennst Spulen und Kabel, durch die elektrische Energie geleitet werden könnte. Doch was ist das? Ein Päckchen zusammengeschnürter Blätter liegt neben ihr. Eine Bedienungsanleitung? Nein, es sind Briefe. Briefe eines Kapitäns, in denen er über eine seltsame Begegnung am Rand der Welt berichtet. Seine Begegnung mit einem Mann namens Frankenstein.

Seit Wochen ist Captain Robert Walton bereits auf Fahrt in den hohen Norden. Er hat das Kommando über ein Segelschiff und plant, eine Passage zum Nordpol zu finden. In Archangelsk hat es abgelegt und kreuzt nun durch das Weiße Meer an der russischen Nordküste. Er staunt nicht schlecht, als einer seiner Matrosen ihm meldet, dass er seltsame Gestalt gesehen habe. Ein massiger Mann, sicher über zwei Meter groß, der mit einem Hundeschlitten über das gefrorene Wasser reise.

Wenige Stunden später entdeckt die Besatzung einen weiteren Mann, allerdings von normaler Statur. Tatsächlich ist er sogar in einem äußerst schlechten Zustand und offenbar allein in der weißen Wildnis unterwegs. Der Mann ist halb erfroren und wird zur Erholung in ein warmes Bett gesteckt. Dort erzählt er Captain Watson, was ihn in den eisigen Norden getrieben hat. Er verfolge den großen Mann mit dem Hundeschlitten. Ja, dieser sei gar eine von ihm geschaffene Kreatur. Ein Monster, zu dessen Erweckung sein Ehrgeiz ihn getrieben hat. Ihn, Viktor Frankenstein.

Mary Shelley - Die Autorin von Frankenstein
Mary Shelley – Die Autorin von Frankenstein / Gemälde von Richard Rothwell, 1840, gemeinfrei

So beginnt Mary Shelleys Roman Frankenstein, der im Sommer des Jahres 1816 entstand. Eigentlich war es gar kein richtiger Sommer, denn statt Sonnenstrahlen gingen in ganz Europa schwere Regenfälle nieder und verdarben kühle Winde die Ernten. Mary trägt damals noch ihren Geburtsnamen Godwin und besucht mit ihrem Verlobten, dem aufstrebenden Schriftsteller Percy Shelley, den berüchtigten Lord Byron in dessen Villa am Genfer See in der Schweiz.

Frankenstein – entstanden im Jahr ohne Sommer

Da das Wetter so gar nicht sommerlich ist, verbringen die jungen Leute ihre Tage mit angeregten Gesprächen und, in den Abendstunden, mit dem Lesen von Gruselgeschichten. Inspiriert durch diese Lektüre, fällt der Entschluss, sich selbst am Schreiben einer solchen Erzählung zu versuchen. Byron, seine Gäste und sein Leibarzt John Polidori beginnen also mit dem Verfassen von schauerhaften Geschichten. Ganze Romane arbeiten aber nur zwei von ihnen aus. Polidori verfasst Der Vampyr, eine der ersten Vampirgeschichten, Mary Shelley schließlich den weltberühmten Roman Frankenstein.

Dabei ist sie zunächst diejenige, die am meisten Vorlauf für ihre Geschichte braucht. Es vergehen mehrere Tage, in denen sie nach einer Idee sucht. Jeden Morgen zum Frühstück wird sie gefragt, ob ihr endlich ein Einfall gekommen ist. Doch die junge Frau, es war wenige Wochen vor ihrem 19. Geburtstag, muss jedes Mal verneinen. Erst, als die Gruppe eines Abends über den Galvanismus spricht, durch den mithilfe elektrischer Energie totes Gewebe wiederbelebbar sei, sieht sie in der folgenden Nacht in einem Traum, was der Stoff ihrer Geschichte werden soll.

„Ich sah den blassen Studenten der ungeweihten Künste neben dem Ding knien, das er zusammengesetzt hatte“, erinnert sich die Autorin später. „Ich sah das abscheuliche Abbild eines Menschen ausgestreckt liegend, aber dann, durch das Wirken eines sich in Gang setzenden machtvollen Motors, Anzeichen von Leben zeigend, sich behäbig rührend. Furchterregend war dieser Anblick, denn wahrlich furchterregend ist es zu sehen, wie menschliche Taten das schöpferische Wirken Gottes verspotten.“

Blasphemische Experimente und ungeahnte Schrecken

Marys Kreativität ist geweckt. Binnen kürzester Zeit schreibt sie die Geschichte von Viktor Frankenstein nieder. Der scharfsinnige Student aus der Schweiz, der am Ableben seiner Mutter verzweifelt und sich daraufhin in Experimente stürzt, durch die er den Tod überwinden möchte. Elektrische Energie soll ihm zum Erfolg verhelfen. Er probiert seine Theorie an Leichenteilen aus, die er schließlich zu einem ganzen Leichnam zusammensetzt. Die Blitze eines nächtlichen Sturms sind es schließlich, die den Unhold zum Leben erwecken.

Frankenstein ahnt noch nicht, welche Schrecken er damit auf die Welt loslässt. Ebenso wenig ist Mary Shelley wahrscheinlich nicht bewusst, welche Wellen ihr Buch schlagen wird. Heute gilt es als ein Klassiker der frühen Horror-Literatur. Damals ist es jedoch ein anrüchiger, beinahe blasphemischer Roman. Die Belebung von Leichnamen, der Raub von Leichenteilen für grenzwertige Experimente – auch heute würde solch ein Inhalt für Unruhe unter zart besaiteten Gemütern sorgen.

Frankenstein flieht vor seiner Kreatur
Frankenstein flieht vor seiner Kreatur. / Innenillustration zu Frankenstein-Ausgabe von 1831, Theodor von Holst, gemeinfrei 

Mary Shelley ist jedoch zufrieden mit ihrer Kreation. Ganz im Gegensatz zu Viktor Frankenstein, der aus Angst vor seiner Kreatur aus seinem Labor und in die Nacht flieht. Doch das Monster lässt nicht von Frankenstein ab. Immer wieder spürt es seinen Erschaffer auf und immer wieder sterben dabei Menschen, die Frankenstein nahestehen. Doch die Kreatur wird auch immer schlauer, immer menschlicher. Sie fordert schließlich von Frankenstein die Erschaffung einer Gefährtin. Der Wissenschaftler lehnt jedoch ab, woraufhin die Situation endgültig eskaliert und jemand stirbt, der Frankenstein sehr viel bedeutet.

Konfrontation am Rand der Welt

Von Rache getrieben jagt Frankenstein seine Kreatur bis ans Ende der Welt, bis beide den Weg von Captain Waltons Expedition kreuzen. Walton ist schließlich die Figur, mit der Mary Shelley ihre Geschichte zu Ende bringt. Der Entdecker schreibt auf, was der geschwächte Frankenstein ihm anvertraut. Ungläubig bringt Walton die Lebensbeichte des Schweizers zu Papier und schickt sie in Briefform an seine Schwester.

Letztlich wird Walton auch Zeuge davon, wie Frankenstein und sein Monster doch noch einander wiederbegegnen. Vor den Augen des Kapitäns, am Ende der Welt in frostweißer Wildnis, erfüllt sich das Schicksal der beiden Wesen, von denen eines ein Mensch war und das andere einer sein wollte.

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Bildnachweise in Reihenfolge der Bilder:
Beitragsbild: „Blitz“, Fotografie von jpleno, Pixabay / „Mary Shelley“, Gemälde von Richard Rothwell, 1840, gemeinfrei / Innenillustration zu Frankenstein-Ausgabe von 1831, Theodor von Holst, gemeinfrei 

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