Giovanni Aldini – Der wahre Frankenstein

Giovanni Aldini – Der wahre Frankenstein

In einem Regal der Gruselstube, zwischen Reagenzgläsern und alten Kerzen, findest Du ein eng beschriebenes Blatt Papier. Darauf findest Du einige Notizen. Ewiges Leben durch Elektrizität? Die Belebung von hingerichteten Mördern? Galvanismus? Du liest einen Bericht über Giovanni Aldini, den wahren Frankenstein.

Grübelnd sitzt Mary Shelley in ihrem Zimmer in der Villa Diodati am Genfer See. Es ist der Juli des Jahres 1816, das so genannte Jahr ohne Sommer. Während es draußen regnet, widmen sich Mary und ihre Freunde literarischen Freuden. Ihr Verlobter Percy Shelley, ihr Gastgeber Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori, sitzen jeweils an einer eigenen Gruselgeschichte. Aus Marys Feder wird ein Klassiker der Horror-Literatur entstehen. Doch noch leidet sie unter einer Schreibblockade, noch weiß sie nichts von Frankenstein – bis ihr Giovanni Aldini in den Sinn kommt.

Da kommt ihr eine Idee. Einige Tage zuvor hatte die kleine Gesellschaft gemeinsam am Kamin gesessen und über den Galvanismus geredet. Dabei handelt es sich um eine nach dem Italiener Luigi Galvani (1737-1798) benannte Theorie, nach der elektrische Energie tote Organismen wiederbeleben könne. Galvani selbst hatte im November des Jahres 1780 beobachtet, wie Froschschenkel wieder anfingen zu zucken, wenn man sie in einen Stromkreis einfügte. Er schloss daraus, dass der biologischen Masse eine Art Energie innewohne, die sich durch Elektrizität reaktivieren lasse.

Skizze des Froschschenkel-Experiments
Skizze des Froschschenkel-Experiments / Zeichnung von David Ames Wells, gemeinfrei

In den nächsten Jahren wird der Galvanismus in ganz Europa populär. Auch vor Menschenversuchen schrecken einige Forscher nicht zurück. An Verstorbenen experimentieren sie und versuchen, den toten Körpern wieder Leben einzuhauchen, indem sie Strom durch die Leichen jagen. Versorgt werden sie mit den Körpern von hingerichteten Kriminellen oder der Beute skrupelloser Leichenräuber, die in der Nacht die Friedhöfe plündern.

Giovanni Aldini ist ein Neffe von Luigi Galvani. Er wird 1762 in Bologna geboren und 1798 schließlich Professor der Physik an der dortigen Universität. Aldini führt seine Experimente oftmals in der Öffentlichkeit durch. Auch er gibt sich mit Tierleichnamen nicht zufrieden, sondern versucht sich immer häufiger an menschlichen Leichen.

In London will Giovanni Aldini einen Mörder wieder zum Leben erwecken

Um seinen Studien nachzugehen, reist Aldini sogar nach London. Im Januar des Jahres 1803 wartet dort George Forster auf seine Hinrichtung. Forsters Ehefrau wollte ihn verlassen, woraufhin er sie und die gemeinsame Tochter im Paddington Canal ertränkte. Mit der Verurteilung zum Tode bekam der Mörder mitgeteilt, dass sein Körper der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werde. Eine doppelte Bestrafung, denn im christlichen Glauben ist die Unversehrtheit des Körpers für die Wiederauferstehung am Weltende unabdingbar. Als Aldini eintrifft sitzt Forster schließlich im Newgate Prison, in der Gewissheit, dass sein Leichnam einem Experiment dienen wird.

Am 18. Januar 1803 wird George Forster gehängt und Giovanni Aldini nimmt den leblosen Körper des Mörders direkt an sich. Bisher konnte der Italiener nur an länger Verstorbenen experimentieren, oder musste sich gar mit Enthaupteten begnügen. Dieses Mal kann Aldini sich an einem frischen Leichnam versuchen.

Galgen beim Newgate Prison, ca. 1800
Galgen beim Newgate Prison, ca. 1800 /Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei / Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

In einem Kellergewölbe des Newgate Prison beginnt Aldini mit seinem schaurigen Experiment. Forsters Leichnam, äußerlich unbeschädigt und noch warm, wird an elektrische Apparate angeschlossen. Strom wird durch den leblosen Mörder geleitet, während die wenigen Zuschauer gebannt das Experiment beobachten. Da passiert es tatsächlich und die Leiche beginnt zu zucken. Forsters Beine bewegen sich, schließlich auch seine Arme. Eines der Augen öffnet sich und die rechte Hand ballt sich zur Faust. Der Mörder, so scheint es, lebt wieder.

Diese Szenerie mag Mary Shelley im Hinterkopf gehabt haben, als ihr die Idee zu Frankenstein kam. Doch ihr Protagonist soll erfolgreich sein. Denn Aldini scheitert mit seinem Experiment. Das Zucken des Leichnams lässt nach, verebbt schließlich ganz. George Forster bleibt tot. Der Anblick jedoch war so furchteinflößend, dass einer der Zuschauer sogar an den Folgen des Schreckens stirbt.

Giovanni Aldini bleibt erfolglos – doch Frankenstein triumphiert

Aldini bleibt Zeit seines Lebens erfolglos, denn letztlich hatte sein Onkel Luigi Galvani unrecht. Er hatte die Zeichen falsch gedeutet. Für Galvani wohnte die Energie dem Körper inne und wurde durch den Stromfluss quasi erweckt. Je stärker die elektrische Energie durch die Leiche fließt, desto stärker müsste die Erweckung ihrer Lebenskräfte sein. Alessandro Volta hingegen bewertet die zuckenden Glieder lediglich als Anzeichen, dass überhaupt Strom fließt.  Volta behält Recht. Er ist es, der im Jahr 1800 die erste elektrische Batterie entwickelt.

Als Mary Shelley im Jahr 1816 also die Idee für ihren Roman Frankenstein hat, ist der Galvanismus bereits eine überholte Theorie. Faszinierend ist die Idee, Leben aus dem Tod zu erschaffen, aber weiterhin. Aldini verteidigt seine Forschung bis zu seinem Tod im Jahr 1834. Im ganzen 19. Jahrhundert kommt es sogar immer wieder zu galvanistischen Experimenten. Auch wenn die Belebung toter Körper nicht glückt, kommt es durch sie zu wichtigen Fortschritten in der Erforschung der menschlichen Motorik und der Neurowissenschaft.

Giovanni Aldini - der wahre Frankenstein?
Giovanni Aldini – der wahre Frankenstein? / Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

Beliebt bleiben sie nicht zuletzt durch die Versuche von Viktor Frankenstein, dem Hauptcharakter von Mary Shelleys Roman. Sein Monster, erweckt durch Elektrizität, sucht heute aber nicht nur die Forschung heim. In zahlreichen weiteren Büchern, Comics und Spielfilmen, erscheint sie immer wieder. In der Popkultur ist sie unsterblich geworden – und ein Teil von Giovanni Aldini begleitet sie.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Blitz„, Fotografie von Oimheidi, Pixabay / „Skizze des Froschschenkel-Experiments“, Zeichnung von David Ames Wells, gemeinfrei / „Execution by hanging, outside Newgate“, Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei / „Giovanni Aldini“, Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

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