Frankenstein und der Vampyr – Geboren im Jahr ohne Sommer

Frankenstein und der Vampyr – Geboren im Jahr ohne Sommer

Kalter Wind weht dir entgegen, als Du dich einem kleinen Fenster in der Gruselstube näherst. Was ist das? Ein kleines Büchlein liegt auf der Fensterbank. Du blätterst es durch und liest über ein Jahr ohne Sommer. Es ist eine Geschichte über Feuer und Asche, Missernten und Regen. Sie beginnt im Indischen Ozean und endet am Genfer See, wo aus Langweile die Romane Frankenstein und Der Vampyr geboren werden.

Die Erde bebt auf Sumbawa. Die östlich von Java gelegene Insel wird im April des Jahres 1815 durch den Ausbruch des Vulkans Tambora erschüttert. Fünf Tage lang kommt es immer wieder zu Eruptionen. Sie sind so laut, dass sie von den britischen Truppen auf Sumatra, 2.500 Kilometer entfernt, für Kanonenschüsse gehalten werden. Ganze Dörfer verschwinden unter Lava und Geröll. Etwa 10.000 Menschen sterben sofort durch den Ausbruch. Weitere 61.000 Menschen auf Sumbawa und der Nachbarinsel Lombok sterben an den direkten Folgen in den nächsten Tagen.

Insgesamt sterben jedoch deutlich mehr Menschen durch den Ausbruch des Tambora. Denn die Asche breitet sich in den folgenden Monaten über die ganze Welt aus. Die Strahlen der Sonne vermögen kaum, die dichte Ascheschicht in der Luft zu durchdringen. Neben Asche und Staub gelangt jedoch auch Schwefel in die Atmosphäre, wodurch sich das Klima zusätzlich abkühlt. Hinzu kommt eine generell verminderte Sonnenaktivität in den Jahren 1790 bis 1830. Das Jahr ohne Sommer ist also das Ergebnis vieler Faktoren.

Ein Jahr nach dem Vulkanausbruch fällt der Sommer aus

Im Frühling des Jahres 1816 sind die Auswirkungen des Vulkanausbruchs auch in Europa und Nordamerika zu spüren. Es wird einfach nicht richtig warm. Ganz im Gegenteil: Im Sommer wird es sogar noch kälter. Im August fällt in Neuengland und dem Osten Kanadas Schnee. Auch in der Schweiz schneit es fast durchgehend, was zu großen Schneemengen in den Alpen und entsprechend zu vielen Überflutungen bei der nächsten Schmelze führt.

In der Schweiz hält sich auch eine kleine Reisegesellschaft aus England auf. Am Genfersee, gelegen in der französischsprachigen Schweiz, hat George Gordon Byron, bekannt als Lord Byron, ein Anwesen gemietet. In der Villa Diodati lebte er, nachdem er sich von seiner Frau Annabella Milbanke getrennt und sie mit der gemeinsamen Tochter sitzengelassen hatte. In London war der Lebemann seitdem nicht mehr gerne gesehen, weswegen er das Land mit seinem Leibarzt John Polidori verließ.

Lord Byron ist der Gastgeber in der Villa Diodati
Lord Byron ist der Gastgeber in der Villa Diodati / Gemälde von Thomas Phillips, gemeinfrei

Wenige Wochen, nachdem Lord Byron sich am Genfersee niedergelassen hat, bekommt er Besuch von seinem Bekannten Percy Shelley. Ebenso wie der Gastgeber, ist Shelley ein angehender Dichter. Ihn begleitet seine 16-jährige Verlobte Mary Godwin, Tochter des Philosophen Willam Godwin und der Feministin Mary Wollstonecraft, die im Kindbett nach Marys Geburt verstarb. Die Familie Godwin ist ausgesprochen liberal. William Godwin sieht die Ehe als überholte Institution an und billigt deswegen die uneheliche Beziehung seiner Tochter mit Percy Shelley, der eigentlich noch mit einer anderen Frau verheiratet ist.

Das Jahr ohne Sommer führt zu einem schaurigen Wettbewerb

In der Villa Diodati kommt im Jahr ohne Sommer also eine illustre und liberale Gesellschaft zusammen. Die Briten verbringen ihre Tage aufgrund des kühlen Wetters jedoch mit Lektüre und philosophischen Gesprächen am Kamin. In diesen düsteren Tagen müssen manchmal schon gegen Mittag die Kerzen angezündet werden. In dieser düsteren Atmosphäre genießen die jungen Leute bevorzugt deutsche Gruselgeschichten. Da jedoch niemand von ihnen Deutsch versteht, lesen sie die französischen Übersetzungen.

Irgendwann kommt jemand auf die Idee, doch selbst so eine Geschichte zu verfassen. Es entsteht sogar eine Art kleiner Wettbewerb. Wenn alle fertig sind, sollen die Geschichten einander vorgetragen werden. Der oder die Beste gewinnt. John Polidori lässt sich von Legenden über Vampire inspirieren. Er schreibt Der Vampyr, die erste moderne Vampirgeschichte. In ihr gerät der junge Engländer Aubrey in die Fänge des mysteriösen Lord Ruthven, der bereits viele Merkmale eines modernen Vampirs in sich vereint. Sicherlich eine Inspiration für spätere Werke, auch für den Klassiker Dracula.

Lord Byron befasst sich ebenfalls mit Vampiren, vollendet seine Geschichte jedoch nicht. Er beschäftigt sich lieber mit Claire Claremont, der Stiefschwester von Mary Godwin, die ebenfalls am Genfersee den kühlen Sommer verbringt. Percy Shelleys Beitrag ist nicht überliefert. Offenbar beteiligt er sich an Byrons Geschichte, verliert aber ebenfalls irgendwann das Interesse.

Trotz anfänglicher Schreibblockade verfasst Mary Shelley das erfolgreichste Werk

Der Beitrag seiner Verlobten Mary sollte die erfolgreichste Erzählung werden, die im Jahr ohne Sommer am Genfersee entstand. Doch zunächst litt sie unter einer gehörigen Schreibblockade. Mit jedem Tag wurde es ihr unangenehmer, nichts vorweisen zu können. Doch schließlich, nach einem Gespräch über den Galvanismus, laut dessen Theorien tote Körper durch Elektrizität wiederbelebt werden können, kam ihr die Idee für Frankenstein.

Unter einer dichten Schicht aus Asche und Schwefel, in einem tiefgrauen August, beflügelt durch die Leidenschaft einer jungen Liebe, legte Mary Godwin den Grundstein für einen der bekanntesten Romane der Literaturgeschichte. Die Geschichte vom verblendeten Wissenschaftler Viktor Frankenstein und seiner blasphemischen Kreatur, wurde oft neu erzählt, nicht zuletzt in zahlreichen Filmen.

Auf das Jahr ohne Sommer folgten farbenprächtige Himmel
Auf das Jahr ohne Sommer folgten farbenprächtige Tage. / Gemälde von von J. M. Willam Turner, gemeinfrei

Das Jahr ohne Sommer hinterließ noch lange seine Spuren. Über Jahrzehnte hinweg sorgten die zahlreichen Partikel in der Luft für farbenfrohe Sonnenuntergänge. Die Kunst des Biedermeiers und William Turners Werke hätten ohne ihre intensive Farbgebung nicht so eindrucksvolle Spuren hinterlassen. Auch in der Horrorliteratur ist es dieses Jahr heute noch zu spüren. Jedes mal dann, wenn Vampire oder Frankensteins Monster unter einem grauen Himmel aufeinandertreffen.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Sommerregen„, Fotografie von jastro, Pixabay / „Lord Byron“, Gemälde von Thomas Phillips, gemeinfrei  / „The Dort Packet-Boat from Rotterdam Becalmed“, Gemälde von J. M. Willam Turner, gemeinfrei

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