Bram Stoker – Wer war die Inspiration für Dracula?

Bram Stoker – Wer war die Inspiration für Dracula?

In einem Regal in der Gruselstube steht ein tönerner Krug, in dem einige Schriftrollen stecken. Es sind die Notizen eines Mannes namens Bram Stoker. Einige Namen und Orte sind darauf vermerkt, die offenbar Ideen für einen Roman sein sollen. Der Name der Geschichte lautet: Dracula.

Gebannt lauscht Bram Stoker den Erzählungen seines weitgereisten Gastes. Armenien, Persien, Turkestan und viele andere Länder hat er besucht. Bereits als Mann hat er das prächtige Konstantinopel gesehen, das die osmanischen Herrscher Istanbul nennen. Ja, Ármin Vámbéry hat viele Dinge erlebt und gelernt, die selbst im großen London kaum bekannt sind. Am meisten faszinieren Bram Stoker jedoch die Legenden Osteuropas, die sein Gast fesselnd zu erzählen vermag.

Auch Bram Stoker ist weitgereist. Der gebürtige Ire lebt seit einigen Jahren in London und ist der Assistent von Henry Irving, einem der bekanntesten Schauspieler seiner Zeit. In dessen Namen führt Bram Stoker die Geschäfte des Lyceum Theatre und begleitet seinen Arbeitgeber, mit dem er gleichzeitig eng befreundet ist, um die Welt. Osteuropa oder gar den Orient bereist er allerdings nie, was die Geschichten von Ármin Vámbéry für ihn umso spannender werden lässt. Vor allem Geschichten über Vampire sind es, die Stoker faszinieren. Inspiriert durch diese Gespräche, fasst er den Entschluss, selbst eine solche zu verfassen.

Bram Stoker - Der Autor von Dracula
Bram Stoker – Der Autor von Dracula / Fotografie von Unbekannt, gemeinfrei

Bei dieser Gelegenheit hört Bram Stoker vermutlich auch zum ersten Mal den Namen Dracula. Dabei handelt es sich um einen Beinamen von Vlad III., der im 15. Jahrhundert Woiwode der Wallachei im heutigen Rumänien war. Dieser informelle Titel bedeutet „Sohn des Drachen“ und verweist auf Vlads Vater, der als Vlad II. vor ihm regierte. Er wurde „Dracul“ genannt, wahrscheinlich wegen seiner Mitgliedschaft im Drachenorden des römisch-deutschen Kaisers Sigismund von Luxemburg.

Draculas Vorbilder: Transsilvanische Sagen und viktorianische Novellen 

Dass Bram Stoker sich näher mit diesen historischen Figuren auseinandersetzt, erscheint aus heutiger Sicht aber eher unwahrscheinlich. Lediglich der Name, den er als „Teufel“ übersetzt, schafft es in den Roman. Damals bekannte Vampirerzählungen wie Der Vampyr von John Polidori oder Carmilla von Joseph Sheridan Le Fanu hinterlassen einen deutlicheren Eindruck in der Figur des Vampirs Dracula.

Bram Stoker möchte eine Geschichte schreiben, die unterhält, aber auch aufwühlt. Sieben Jahre lang recherchiert er neben seinem eigentlichen Beruf in Irvings Theater nach weiteren Schnipseln osteuropäischer Sagen, die er für Dracula verwenden kann. Das Buch The Land beyond the Forest der Reiseschriftstellerin Emily Gerard bringt ihm transsilvanische Folklore und insbesondere den Glauben an Vampire näher. Die Angst, dass die Toten sich wieder erheben, um den Lebenden das Blut auszusaugen, ist in den Dörfern Rumäniens damals sehr verbreitet. Die bekannten Abwehrmechanismen, wie zum Beispiel Knoblauch, lernt Stoker durch Gerards Buch im Detail kennen und verwendet sie für seinen Roman.

Noch fehlt es der Geschichte aber an interessanten Figuren. Bram Stoker, ganz der Theatermensch, verleiht seinem Roman Leben, indem er sich von den Eigenheiten seiner Bekannten und Freunde inspirieren lässt. So, als würde er die Rollen des nächsten Stückes besetzen, wählt er die Darsteller seiner Geschichte aus.

Ármin Vámbéry - Die Inspiration für Van Helsing?
Ármin Vámbéry – Die Inspiration für Van Helsing? / Fotografie von K. Koller, gemeinfrei

Ármin Vámbéry, der weitgereiste Gelehrte, soll eine solche Rolle in Dracula spielen. Er eignet sich in Bram Stokers Augen perfekt für die Figur des aufrechten Gegenspielers. Als Dr. Abraham van Helsing tritt er dem bösartigen Blutsauger entgegen. Er verfügt über das Wissen, das zum Sieg über Dracula führt. Auch van Helsing ist weitgereist und in der akademischen Welt gut vernetzt. Im Verlauf der Geschichte erwähnt er seinen Freund „Arminius“, der an der Universität in Budapest lehrt – ein versteckter Gruß von Stoker an Vámbéry, der ihn ursprünglich zu dieser Geschichte inspirierte.

Wer ist die Inspiration für Dracula?

Doch wer steckt hinter der furchteinflößenden Figur des Vampirs Dracula selbst? Für dessen angsteinflößendes Gebaren lässt sich Bram Stoker von einem anderen guten Freund inspirieren. Henry Irving, sein Arbeitgeber und begnadeter Schauspieler, verkörpert auf der Bühne zahllose Charakterrollen. Insbesondere tragischen Figuren wie Prinz Hamlet, aber auch finstere Charaktere wie Mephistoteles in Faust, verkörpert er mit einnehmender Leidenschaft. Sein bisweilen herrisches Gebaren, sein stechender Blick unter dichten Augenbrauen und die ihn umgebende, schwer zu fassende Melancholie, verleihen schließlich auch Dracula Leben. Es ist also ein mit dem Autor befreundeter Schauspieler, nicht ein historisches Vorbild, dass die Inspiration für die Figur des Dracula ist. 

Henry Irving als Mephistoteles - Das Vorbild für Dracula?
Henry Irving als Mephistoteles – Das Vorbild für Dracula? / Zeichnung von Bernard Partridge, gemeinfrei

Gerne hätte Bram Stoker seinen Freund Henry Irving tatsächlich in der Rolle des Dracula gesehen. Doch dies geschieht nicht. Dracula ist, als der Roman im Jahr 1897 erscheint, kein großer Erfolg. Zwar wird er von den meisten Kritikern wohlwollend aufgenommen, verkauft sich aber nicht besonders gut. Erst die inoffizielle Verfilmung Nosferatu von F. W. Murnau aus dem Jahr 1922 macht auch das Original bekannt, sorgt für neue Auflagen größere Verkaufszahlen. Kurz darauf entsteht ein Bühnenstück auf Basis des Romans, in dem allerdings nicht Henry Irving den Vampir verkörpert, sondern Bela Lugosi, der die Rolle ebenfalls in der Verfilmung von 1930 übernimmt.  

Denn Henry Irving ist zu diesem Zeitpunkt schon lange tot. Er stirbt im Jahr 1905 während einer Aufführung in Bradford. Bram Stoker lebt noch bis 1912, schafft es aber nie, seinen Lebensunterhalt nur mit dem Schreiben zu verdienen. Er stirbt nach einer Reihe von Schlaganfällen im Alter von 64 Jahren, ausgelöst durch Stress und Überarbeitung. Auch Ármin Vámbéry stirbt schließlich im Jahr 1913 in Budapest. Doch obwohl diese Männer tot sind, leben sie doch in gewisser Weise in Dracula fort. Bram Stoker als Autor des Romans und seine beiden Freunde als ewige Gegenspieler in einem schauerlichen Kampf zwischen Licht und Finsternis.

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Bildnachweise:
Beitragsbild:Scene from ‚Faust‘; Henry Irving as Mephistopheles at the summit of the Brocken.“ – Zeichnung von David Henry Fiston, CC BY-SA 4.0 / „Bram Stoker“ – Fotografie von Unbekannt, gemeinfrei / „Ármin Vámbéry“ – Fotografie von K. Koller, gemeinfrei / „Henry Irving als Mephistoteles“ – Zeichnung von Bernard Partridge, gemeinfrei

 

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