Die Weiße Frau der Hohenzollern

Die Weiße Frau der Hohenzollern

Durch ein kleines Fenster dringt fahles Mondlicht in die Gruselstube. Ein leises Wehklagen ist zu hören, dessen Ursprung du nicht erfassen kannst. Da manifestiert sich vor deinen Augen eine Gestalt. Du erkennst die schemenhaften Umrisse einer Frau, ganz in Weiß gekleidet und halb durchsichtig. Mit Schaudern begreifst du, dass es die Weiße Frau der Hohenzollern ist, deren Erscheinen Unheil verkündet.

Es ist das Jahr 1849. Ein Jahr nach der Märzrevolution sitzt Julius von Minutoli an seinem Schreibtisch. Der ehemalige Polizeipräsident von Berlin war zurückgetreten, nachdem während des Sturms auf das Berliner Zeughaus zwei Demonstranten getötet worden waren. Seitdem erledigt der Beamte einige Sonderaufträge der Regierung, hat aber auch viel Freizeit.

In diesen freien Tagen widmet sich der Jurist Minutoli der Geschichte seiner preußischen Heimat. Vor allem das Mittelalter und die die Entstehung der Mark Brandenburg interessieren ihn. Dabei stößt er auf eine alte Legende: Die Weiße Frau der Hohenzollern.

Mitgliedern der Familie Hohenzollern, die Preußen regiert, soll im Laufe der Jahrhunderte immer wieder ein Geist erschienen sein. Eine so genannte Weiße Frau, deren Erscheinen Unheil verkünde, soll auf den zahlreichen Burgen und Schlössern der adligen Familie gesehen worden sein. Minutoli verfolgt die Geschehnisse um sie herum schließlich durch die Jahrhunderte zurück bis ins Mittelalter.

Ein ehemaliger Polizist jagt einen Geist

Zu Minutolis Zeiten stammt die letzte Sichtung aus dem Jahr 1844. Kurz vor einem erfolglosen Attentat auf König Friedrich Wilhelm IV. soll sie im Berliner Stadtschloss der Hohenzollern gesehen worden sein. Auch kurz vor dem Tod seines Vaters, Friedrich Willhelm III., geistert im Winter 1839/40 die Weiße Frau durch das Schloss. Ein junger Soldat, der sie erblickt, erschreckt so sehr, dass er das Bewusstsein verliert. Oder ist das seine Ausrede für ein unerlaubtes Nickerchen?

1806 erscheint sie Louis Ferdinand von Preußen, einem Neffen Friedrichs des Großen, in der Heidecksburg bei Rudolstadt. Einen Tag später fällt er bei einem Gefecht mit französischen Truppen in der Nähe von Saalfeld. 1797 ist sie vor dem Tod von König Friedrich Wilhelm II. in Berlin zu sehen, ebenso wie 1713 vor dem Ableben von Friedrich I.

Die Weiße Frau am Totenbett von Friedrich I.
Die Weiße Frau am Totenbett von Friedrich I. / Zeichnung von Ludwig Löffler, gemeinfrei

König Friedrich Wilhelm I. lässt sich von diesem Spuk nicht beeindrucken. Er steckt je einmal einen Küchenjungen und einen Soldaten in ein weißes Kleid, um sie stellvertretend auspeitschen zu lassen. Immerhin, vor seinem Tod im Jahr 1740 lässt sich die Weiße Frau nicht blicken.

Ebenfalls nicht aus der Ruhe zu bringen ist Konrad von Burgsdorff. Der Vertraute des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, sieht die Weiße Frau eines Nachts auf einer Treppe und packt sie kurzerhand. „Hast du noch nicht genug Fürstenblut gesoffen?“, schnauzt er sie in Sorge um seinen Herrn an. Doch die Erscheinung ist wehrhafter als gedacht. Sie verprügelt den Edlen und stößt ihn die Treppe hinunter, sodass ihm die Knochen brechen. Den Kurfürsten bewahrt dies nicht vor seinem Schicksal. In der Nacht vor seinem Tod im Jahr 1688 erscheint die Weiße Frau seiner Gemahlin Luise Henriette von Oranien.

Die Weiße Frau spukt durch die Jahrhunderte

Und der Schrecken reicht noch weiter zurück. Im Jahr 1619 erscheint sie vor dem Tod von Kurfürst Johann Sigismund und im Jahr 1598 acht Tage, bevor dessen Großvater Johann Georg verstirbt. Doch auch bevor die Hohenzollern in ihr Berliner Stadtschloss einziehen, werden sie von der Weißen Frau heimgesucht. Auch auf der fränkischen Plassenburg bei Kulmbach wird sie gesehen und spukt dort derart heftig, dass die adlige Familie im Jahr 1486 diesen Wohnsitz verlässt und die Burg nach ihrer Zerstörung im Jahr 1544 nicht wieder aufbaut.

Doch woher stammt diese Geisterscheinung? Wer steckt hinter der Weißen Frau? Minutoli forscht weiter und findet die Berichte einiger Chronisten des 16. Jahrhunderts. Kaspar Brusch, Enoch Widmann und weitere schildern übereinstimmend, welcher Geist, damals noch ausschließlich auf der Plassenburg, die Hohenzollern plagt. Es soll sich um Kunigunde von Orlamünde handeln, die Begründerin des Klosters Himmelthron bei Nürnberg.

Kunigunde von Orlamünde - Die Weiße Frau?
Kunigunde von Orlamünde – Die Weiße Frau? / Zeichnung von C. Chl. Freiherr von Reitzenstein, gemeinfrei

Kunigunde von Orlamünde wird um 1303 geboren. Ihr Vater, Ulrich I., ist Landgraf von Leuchtenberg in der Oberpfalz. Er verheiratet seine Tochter mit Otto IV. von Weimar-Orlamünde, der Burggraf der Plassenburg ist. Fast zwanzig Jahre sind die beiden miteinander verheiratet, bis Otto im Jahr 1340 stirbt. Den Chroniken nach verliebt sie sich in den deutlich jüngeren Albrecht den Schönen – der aus der Familie Hohenzollern stammt.

Albrecht erwidert laut den Chronisten zwar die Gefühle der Witwe, doch sein Vater, der Burggraf von Nürnberg Friedrich IV., ist gegen diese Verbindung. Enttäuscht schreibt Albrecht seiner Geliebten einen verhängnisvollen Brief. „Vier Augen“ würden ihre Liebe verhindern. Ein Hinweis auf die Eltern des jungen Mannes, den die Witwe in besonders tragischer Weise missversteht.

Kunigunde bezieht den Hinweis auf ihre beiden Kinder, die sie aus der Ehe mit Otto IV. hat. In dem Glauben, das Albrecht sie ehelichen würde, wenn der Junge und das Mädchen aus dem Weg sind, fasst sie einen düsteren Entschluss. Eines Nachts geht sie zur Schlafstatt der beiden Kinder und ersticht sie nacheinander mit einer dicken Nadel in den Kopf. Minutoli findet dazu folgendes Gedicht aus dem Jahr 1559:

Und dacht, die Kindlein, die ich hätt‘
Werden gewiss die Augen sein,
die mich berauben des Buhlen mein!
Und wurd‘ das Weib so gar betört,
Dass sie ihre eigen Kinder ermördt,
Und jämmerlich ihres Lebens beraubt,
Dass sie es mit Nadeln in ihr Haupt
Stach in ihre Hirnschall,
Die zart und weich überall.

Als sie Albrecht davon berichtet, ist dieser schockiert. Er klärt das Missverständnis auf, Kunigunde bricht vor Scham und Trauer zusammen. Sie büßt mit einer Pilgerfahrt nach Rom und erlangt vom Papst Vergebung für ihre Sünden, mit der Auflage in ihrer Heimat ein Kloster zu gründen. Nach ihrer Rückkehr tut sie wie geheißen und gründet das Kloster Himmelsthron, wo sie gemeinsam mit ihren Kindern bestattet wird. Nächster Herr der Plassenburg wird Johann II., ein Bruder des jungen Albrechts und damit ebenfalls aus dem Haus Hohenzollern stammend. Kunigunde, so die Sage, plagt die Familie seitdem mit ihren Heimsuchungen.

Julius von Minutoli löst seinen letzten Fall

Bei dieser Schilderung muss Minutoli an einigen Stellen stutzen, als er im Jahr 1849 an seinen Nachforschungen sitzt. Es beginnt mit der Aussage, Albrecht könne die verwitwete Kunigunde nicht ehelichen, weil sein Vater, also Friedrich IV., etwas dagegen habe. Dies kann allerdings nicht sein, denn Friedrich IV. verstirbt bereits im Jahr 1332. Als Kunigundes Mann Otto IV. verstirbt, ist er also schon ganze acht Jahre tot.

Außerdem, so findet Minutoli heraus, haben Otto und Kunigunde gar keine Kinder gehabt. Deswegen hatten sie sogar eine Verwandte namens Podika von Schaumberg adoptiert. Bereits 1337, drei Jahre von seinem Tod, hatte Otto IV. sein Erbe geklärt. Sollte er ohne Söhne sterben, wonach es nach fünfzehn Jahren kinderloser Ehe aussah, sollte Johann II., der oben genannte Bruder von Albrecht dem Schönen, ein Vorkaufsrecht an der Plassenburg erhalten.

Des Weiteren ist Kunigunde bei ihren Zeitgenossen bis zu ihrem Tod eine angesehene Frau. Im Rahmen der Klostergründung schließt sie mehrere Verträge zur Finanzierung und Versorgung. In den Schriften wird ein respektvoller Umgang mit der Witwe erkennbar, wie man ihn einer Kindesmörderin wohl nicht zugestehen würde.

Böses Blut zwischen Kunigunde und den Hohenzollern hat es also nie gegeben. Woher die Sage stammt, in der die unschuldige Frau zur Spukgestalt erklärt wird, kann Minutoli nicht klären. Er kann aber dazu beitragen, dass der Ruf von Kunigunde von Orlamünde nach vielen Jahrhundert wieder hergestellt wird.

Doch ebenso bleibt ungeklärt, was hinter den Geistererscheinungen steckt. Ist es eine andere ruhelose Seele, welche die Familie der Hohenzollern heimsucht? 1888, in dem Jahr in dem sowohl Kaiser Wilhelm I. als auch sein Sohn Friedrich III. sterben, ist sie wieder zu sehen. Zuletzt wird sie während des Zweiten Weltkriegs im Berliner Stadtschloss gesichtet.

Das Berliner Stadtschloss um 1900
Das Berliner Stadtschloss um 1900 / Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

Zu diesem Zeitpunkt sind allerdings nicht die Hohenzollern die Hausherrn, sondern die Nationalsozialisten. Seit dem Ende der Monarchie ist das Schloss verwaist. Nur einige wenige Soldaten sind anwesend, als eine hell leuchtende Kugel erscheint, die sogar von außerhalb des Schlosses zu sehen ist. Ein Offizier geht der Erscheinung nach und wird am nächsten Morgen mit einem gebrochenen Genick gefunden. Kurz darauf beginnt der Blitzkrieg in Frankreich.

Am 31. Januar 1945, drei Tage vor der Bombardierung des Schlosses, wird die Weiße Frau ein letztes Mal von einem Nachtwächter gesehen. Danach liegt das Schloss in Trümmern und wird schließlich nach Kriegsende komplett abgerissen. Mit dem Gebäude verschwindet auch die Weiße Frau. Wer sie war? Woher sie kam? Wohin sie ging? Noch ist dieses Geheimnis nicht gelöst – doch Kunigunde von Orlamünde, so wissen wir dank Julius von Minutoli, steckt wahrscheinlich nicht dahinter.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Erscheinung der Weißen Frau am Totenbett.“ – Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei / „Die Weiße Frau erscheint Friedrich I. 1713.“ – Zeichnung von Ludwig Löffler, gemeinfrei / „Grabstein der Kunigunde von Orlamünde in der St.-Laurentius-Kirche in Großgründlach“ – Zeichnung von C. Chl. Freiherr von Reitzenstein, gemeinfrei / „Kaiser-Wilhelm-Brücke mit Schlossapotheke“ – Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

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