Der Werwolf von Ansbach

Der Werwolf von Ansbach

Ein lautes Heulen durchreißt die beklemmende Stille der Gruselstube. Draußen, vor dem Fenster, huscht eine monströse Gestalt vorbei. Ist es ein Werwolf, der Einlass verlangt? Schaudernd denkst du an die Sage vom Werwolf von Ansbach.

Betreten schweigt die Menge, als der Sarg von Michael Leicht in das frische Grab hinabgelassen wird. Der Mann war nicht sonderlich beliebt in Ansbach. Der örtliche Pfleger, also ein Verwalter des Landesherrn, soll Bürger betrogen und belogen haben. Manch einer ist sogar erfreut und erleichtert über sein Ableben.

Da erblicken einige der Anwesenden eine Gestalt, die zwischen den Bäumen nahe dem Friedhof umhergeht. Um sie herum flattert ein weißes Tuch. „Das ist der Leicht!“, ruft jemand. Ist der Pfleger aus seinem Grab auferstanden, kaum das die erste Erde den Sargdeckel berührte? Es ist das Jahr 1685 und die Menschen glauben an Geister, rastlose Seelen – sich rächende Untote.

Steckt hinter dem Werwolf ein rastloser Geist?

Michael Leicht wird in den nächsten Tagen immer wieder gesehen. In der Gestalt eines Wolfes, weiterhin bedeckt durch ein weißes Tuch, soll er durch den Ort Neuses bei Ansbach wandern. Dort liegt seine Unterkunft, die er wiederholt aufsucht und die Bewohner der Nachbarschaft in Angst und Schrecken versetzt. Ist der Geist des Toten etwa in einen Wolf gefahren?

 

Der Werwolf von Ansbach in Michael Leichts Wohnung
Der Werwolf von Ansbach in Michael Leichts Wohnung / Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

Schließlich geschieht das Unvorstellbare. Ein Kind verschwindet aus Neuses. Sofort munkeln die Leute, dass der Wolf – der Werwolf von Ansbach – es geholt habe. Eine Suche beginnt und bald wird tatsächlich, zur traurigen Gewissheit aller, der Leichnam des verschwundenen Kindes gefunden. Die Spuren an dem leblosen Körper verraten, dass es ein wildes Tier gewesen sein muss.

Es bleibt nicht bei einem toten Kind. Über drei Monate verteilt, schlägt der Werwolf immer wieder zu und raubt die jungen Leben. Groß angelegte Jagden scheitern, da man des Tieres nicht habhaft wird. Doch es werden auch Wolfsgruben angelegt. Dabei handelt es sich um alte Brunnen, die nicht mehr genutzt und mit Reisig abgedeckt werden. Der Werwolf von Ansbach, so der Plan, soll in eine dieser Fallen tappen.

Der Werwolf von Ansbach geht in die Falle

In einer finsteren Nacht tönt das Heulen eines Wolfes durch Neuses. Doch es klingt nicht bedrohlich, sondern eher verzweifelt. Einige mutige Männer wagen sich in die Dunkelheit und gehen dem Heulen nach. Schaudernd aber auch erleichtert, finden sie schließlich eine der Gruben und darin tatsächlich den Wolf. Das Tier geifert die Männer an, die sich jedoch ein Herz fassen und es mit Speeren erlegen.

Der Werwolf von Ansbach wird bei Neuses in eine Grube getrieben. Daneben sein Leichnam am Galgen.
Der Werwolf von Ansbach wird bei Neuses in eine Grube getrieben. Daneben sein Leichnam am Galgen. / Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

Doch dies genügt vielen Anwohnern nicht. Sie verlangen, dass der Werwolf von Ansbach für seine Strafen wie ein Mensch bestraft werden soll. Denn wenn wirklich die verfluchte Seele eines Menschen, der Geist von Michael Leicht, in das Tier gefahren ist, soll dieser für immer gebannt werden.

Dem toten Wolf wird das Fell abgezogen. Er bekommt eine Maske aus Pappe und eine Perücke aufgesetzt, sowie ein Hemd angezogen. Das so hergerichtete Tier wird an einem Galgen bei Neuses aufgeknüpft. So endet der Werwolf von Ansbach, der vor allem den kleinen Ort Neuses plagte. Ob es wirklich der Geist von Michael Leicht war, der in einen Wolf fuhr, um weiter Unheil zu verbreiten, oder ob es sich einfach um einen ausgehungerten Wolf handelte, bleibt bis heute ungeklärt.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Bauern jagen und töten den Wolf (Zeitgenössisches Flugblatt, Ausschnitt)“ – Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei / „Michael Leicht soll noch als Werwolf seine alte Wohnung aufgesucht haben (zeitgenössisches Flugblatt)“ – Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei / „Bauern jagen und töten den Wolf (Zeitgenössisches Flugblatt) – Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

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