Ed Gein – Die Inspiration für Norman Bates und „Psycho“?

Ed Gein – Die Inspiration für Norman Bates und „Psycho“?

Ein abgegriffenes Taschenbuch liegt auf einem kleinen Tisch in der Gruselstube. Du greifst danach und meinst, ein heiseres Lachen in der Dunkelheit zu hören. Als Du auf das Titelbild blickst, liest Du den blassen Titel auf dem Umschlag: Psycho, von Robert Bloch. Ein kleiner Zettel flattert aus dem Buch. Der Name, den Du darauf entzifferst, lautet Ed Gein.

Als Robert Bloch durch seinen Agenten die Filmrechte an seinem Roman Psycho verkauft, ahnt er noch nicht, wer sich hinter dem anonymen Käufer verbirgt und welcher Filmklassiker daraus entstehen wird. Es ist das Jahr 1959 und der Roman über den Serienmörder Norman Bates ist für den Autor ein bereits abgeschlossenes Projekt. Die knapp 6.750 Dollar, die Bloch für die Filmrechte erhält, nachdem Verlag und Agent ihren Anteil erhalten haben, sind für ihn deswegen ein willkommener Bonus.

Merkwürdig ist nur, dass sich die Verkaufszahlen des Buches erhöhen, noch bevor der Film gedreht wird. Irgendwer kauft massenweise Exemplare von Psycho auf, vor allem im Großraum Los Angeles. Dahinter steckt niemand anderes als Alfred Hitchcock, wie sich bald herausstellt. Der Regisseur ist der anonyme Käufer der Filmrechte und möchte nicht, dass das Ende von Psycho einem breiten Publikum vor Filmstart bekannt wird.

Die Inspiration zum Buch beschäftigt jedoch bereits Millionen von Menschen in den USA. Seit einigen Jahren sitzt der Serienmörder Ed Gein aus Wisconsin im Gefängnis und erwartet seinen Prozess. Als Bloch im Jahr 1957 Psycho schreibt, lebt er im kleinen Ort Weyauwega, keine 60 Kilometer von Plainview entfernt, wo Ed Gein seine Morde begeht.

Ed Gein – Der Serienmörder von Nebenan

Details kennt Robert Bloch zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber „der Gedanke, dass der Mann von nebenan ein Monster sein könnte, unverdächtigt selbst vom tratsch-beladenen Mikrokosmos des Kleinstadtlebens“, fasziniert ihn so sehr, dass er seine neue Geschichte darum spinnt.

Serienmörder faszinieren Bloch. Ursprünglich schrieb er kurze Horrorgeschichten, die sich der Pulp-Literatur der 1930er zuordnen lassen. Als Jugendlicher ist er ein Protegé von H.P. Lovecraft, dem Schöpfer des Cthulhu-Mythos. Als dieser im Jahr 1937 verstirbt, gehört Robert Bloch zu jenen Bewunderern seines Werkes, die es in eigenen Geschichten fortzusetzen versuchen. In den 1940ern kommt Blochs Interesse an Serienmördern, insbesondere an Jack the Ripper, hinzu.

Robert Bloch - Der Autor von "Psycho"
Robert Bloch – Der Autor von „Psycho“ / Fotografie von Will Hart, CC BY 2.0 

Kein Wunder also, dass er selbst eine solche Figur entwirft. Norman Bates, der unter seiner dominanten Mutter leidet, aber auch von ihr abhängig ist, entwickelt nach ihrem Tod eine gespaltene Persönlichkeit, in der sie weiterlebt. Wenn sie die Kontrolle übernimmt, begeht er abscheuliche Morde, die schließlich von Alfred Hitchcock verfilmt werden. Als Bates überführt wird, entdecken die Behörden die Überreste seiner Opfer in einem nahen Tümpel.

Anders verhält es sich mit Ed Gein, der in der realen Welt für Angst und Schrecken sorgt. Seine Opfer bewahrt er in seiner Wohnung auf, beziehungsweise das, was von ihnen übrig ist. Nur zwei Morde können ihm nachgewiesen werden, doch in seinem Haus finden sich die Überreste zahlloser Menschen. Woher Gein diese hat? Er gibt zu, die Friedhöfe der Umgebung zu plündern. Was er mit den Leichenteilen macht? Er dekoriert damit das Innere seines Hauses in unaussprechlicher Art und Weise. Im November 1957 wird er festgenommen.

Ed Gein und Norman Bates – Unaussprechliches Grauen hinter harmloser Fassade

Wie Norman Bates, wächst Ed Gein unter einer dominanten Mutter auf. Doch da hören laut Robert Bloch die Gemeinsamkeiten bereits auf. Jahre später hält er fest: „Ed Gein betrieb kein Motel. Ed Gein hat niemanden in der Dusche umgebracht. Ed Gein war kein Taxidermist. Ed Gein hat seine Mutter nicht ausgestopft, ihren Körper in seinem Haus aufbewahrt, ihre Kleider getragen oder eine gespaltene Persönlichkeit entwickelt. Das sind die Merkmale von Norman Bates und Norman Bates existierte nicht, bis ich ihn erfand.“ 

Als Ed Gein im Jahr 1968, elf Jahre nach seiner Verhaftung, endlich der Prozess gemacht wird, stellt man Unzurechnungsfähigkeit aufgrund von Schizophrenie fest. Den Rest seines Lebens verbringt er in einem Krankenhaus für geisteskranke Straftäter. Norman Bates hingegen kommt über 20 Jahre nach seiner Tat wieder auf freien Fuß. Im Jahr 1982 veröffentlicht Robert Bloch Psycho II, eine Fortsetzung, in der Bates noch schrecklichere Morde begeht.

Bloch spielt mit dem Buch auf die grausamen Splatter-Filme an, die in den frühen 1980ern populär sind. Ironischerweise erscheint 1983 auch ein zweiter Film, dem Norman Bates geheilt erscheint. Ein Jahr später, im Juli 1984, verstirbt Ed Gein an Krebs. So unterschiedlich ihre Taten auch waren, ist es ein ähnlicher Schauer, den Ed Gein und Norman Bates verbreiten. Die Furcht vor dem unscheinbaren Nachbarn, hinter dessen Tür unaussprechliches Grauen lauert. Die schaurige Gewissheit, dass eine zufällige Begegnung, so harmlos sie zunächst auch erscheinen mag, einen grausigen Tod bringen kann.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Türgriff“ – Fotografie von Pexels, Pixabay / „Robert Bloch“ – Fotografie von Will Hart, CC BY 2.0 

 

 

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