John Polidori – Der Vampyr, der erste Vampirroman

John Polidori – Der Vampyr, der erste Vampirroman

Aus dem Augenwinkel kannst du einen hageren Mann die Gruselstube verlassen sehen. Da, wo er eben noch gesessen hat, liegt auf einem kleinen Beistelltisch ein altes Buch. Du nimmst es in die Hand und liest auf dem Einband, dass es Der Vampyr ist, geschrieben von John Polidori. Gerade willst du anfangen, darin zu blättern, da hörst du hinter dir Schritte und ein zufriedenes Lachen…

Es ist 1816, das Jahr ohne Sommer, als John Polidori sich einer ganz besonderen Herausforderung gegenübersieht. Als Leibarzt des Dichters Lord Byron ist er in einen literarischen Wettstreit geraten. Sein Arbeitgeber hat einige Gäste in seine Villa am Genfer See einladen. Da das Wetter viel zu schlecht für die Jahreszeit ist, verbringen sie ihre Zeit mit Lesen, wollen aber schließlich auch selbst etwas schreiben.

Die Idee zu einem Wettbewerb entsteht. Wer kann die schaurigste Gruselgeschichte schreiben? Ausgerechnet die beiden Poeten Lord Byron und Percy Shelley bleiben in diesem Moment glanzlos. Es ist die Geschichte von Shelleys Verlobter Mary, die unter dem Titel Frankenstein weltbekannt wird. Direkt dahinter folgt John Polidori, mit seiner morbiden Vampirgeschichte Der Vampyr.

John Polidori - Autor von Der Vampyr
John Polidori – Autor von „Der Vampyr“ / Gemälde von F.G. Gainsford, gemeinfrei

Protagonist der Erzählung ist der junge Adlige Aubrey, der eines Tages in London den faszinierenden Lord Ruthven kennenlernt. Er schafft es, den älteren Gentleman von sich zu überzeugen und begleitet ihn schließlich spontan nach Rom. Dort erreicht Aubrey ein Brief seiner Eltern, die ihn vor Lord Ruthven warnen. Er sei von zweifelhaftem Charakter, würde viele Damen verführen, aber gefährlich werden, wenn er abgelehnt wird.

Aubrey trennt sich daraufhin insgeheim von seinem Begleiter, setzt seine Europareise aber fort. In Griechenland will er die alten Philosophen studieren und antike Bauwerke aufsuchen. Dort verliebt er sich in Janthe, die Tochter eines Gastwirts. Die junge Frau mit den blonden Locken bezaubert den englischen Edelmann. Doch sie erschaudert ihn auch, mit alten Erzählungen über Vampire.

„Der Vampyr“ – Alte Volkssage oder moderne Legende?

Genau diese Erzählungen sind auch John Polidori bekannt. Alte Volkssagen berichten von wiederkehrenden Toten, die nach der Kraft der Lebenden gieren. Doch entweder sind sie tierische Bestien, oder ruhelose Geister, die an einen Ort gebunden sind. Polidori jedoch, lässt seinen Vampyr jedoch als undurchsichtigen, aber charismatischen, Gentleman erscheinen, der unerkannt unter den Menschen wandelt. Es ist – man ahnt es schon – der faszinierende Lord Ruthven.

Aubreys Glück in Griechenland ist nur von kurzer Dauer. Eine Abends entdeckt er, zu seinem Entsetzen, den blassen Leichnam seiner Geliebten Janthe. Fahle Haut, Bissmale an Hals und Brust lassen keinen Zweifel. Ihr scheint das Blut förmlich ausgesaugt worden zu sein. Schockiert von dem Anblick und der Erkenntnis, dass Vampire nicht nur Schreckgestalten aus alten Geschichten, sondern höchst real sind, verliert Aubrey das Bewusstsein und versinkt in einen fiebrigen Schlaf.

Erst das Auftauchen von Lord Ruthven weckt wieder Aubreys Lebensgeister. Sein einstiger Begleiter scheint viel fröhlicher und vitaler zu sein, als zuletzt in Rom. Janthe hatte Aubrey erzählt, dass der Vampyr einmal jedes Jahr die Lebenskraft eines Menschen rauben muss. Bevorzugt die, einer jungen Frau. Dass Ruthven aber etwas mit dem Tod von Janthe zu tun haben könnte, kommt Aubrey nicht in den Sinn. Er schließlich sich dem geheimnisvollen Lord erneut an und begleitet ihn auf seinen weiteren Reisen.

Diese enden jedoch bald. In einem Wald werden Aubrey und Ruthven von Räubern angegriffen. Von den Flinten der Angreifer wird Ruthven niedergeschossen und schwer verwundet. Sterbend nimmt er Aubrey das Versprechen ab, ein Jahr über den Tod des Lords zu schweigen. Erstaunt über diese Bitte, aber gewillt, seinem Gefährten diesen letzten Wunsch zu erfüllen, schwört Aubrey dem Sterbenden, niemandem von Ruthvens Ableben zu erzählen.

Aubrey und Lord Ruthven – Byronische Helden?

Am nächsten Tag, als Aubrey den Lord beerdigen will, ist Ruthvens Leichnam jedoch verschwunden. Erschüttert von den beiden Todesfällen, kehrt er nach London zurück. Der junge Edelmann hat sich verändert. Schwermut und der Wunsch nach Einsamkeit lassen ihn zum Einzelgänger werden.

Erst, als er wieder seine Heimat erreicht, hellt sich seine Stimmung auf. Seine junge Schwester verkündet ihm froh, dass sie bald heiraten wird. Aubrey freut sich für sie, erkennt aber, dass ihr Verlobter niemand anderes ist, als der abermals verjüngt erscheinende Lord Ruthven, der nun als Earl von Marsden bekannt ist. Erschüttert erkennt Aubrey nun die wahre Natur des Vampyr, an den er durch einen Schwur gebunden ist.

Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, denn Aubrey verstrickt sich immer weiter in die Intrigen Ruthvens. John Polidori erntet für diese Erzählung die Anerkennung Lord Byrons. Dieser hat in seinen Werken den Archetypen des Byronischen Helden erschaffen und erkennt ihn sowohl im zynischen aber charismatischen Vampyr wieder, wie auch im zunehmend schwermütigen Aubrey.

Byron hilft Polidori bei der Veröffentlichung, die zunächst anonym erscheinen soll. Der Herausgeber geht jedoch davon aus, dass Byron der Autor ist und veröffentlicht sie unter dessen Namen. Der Arzt und der Lord sind beide zuerst belustigt, schließlich aber genervt über dieses Verwirrspiel, das dem Erfolg des Werkes keinen Abbruch tut. Es erscheint in mehreren Übersetzungen, auch auf Deutsch. Im Jahr 1820 vermerkt Goethe, der sich mit Die Braut von Korinth selbst dem Vampirthema widmete, dass er Der Vampyr zu Byrons besten Werken zählt.

Polidori - Der Vampyr, deutschsprachige Erstausgabe, die Byron als Autor aufführt
Polidori – Der Vampyr, deutschsprachige Erstausgabe, die Byron als Autor aufführt / Verlag Leopold Voß, Leipzig 1819, gemeinfrei

Schließlich endet auch Polidori und Byrons gemeinsame Zeit auf dem europäischen Festland. Während Byron sich in Pisa niederlässt, reist Polidori zurück nach London, um sich dort eine Praxis aufzubauen. Dass er der wahre Autor von Der Vampyr ist, klärt sich erst nach seinem Tod auf. Er stirbt im Jahr 1821 unter ungeklärten Umständen. Sein literarisches Wirken aus dem Jahr ohne Sommer, ist heute jedoch bekannt und John Polidori als Autor der ersten modernen Vampirgeschichte unvergessen.

Lust auf den Roman bekommen? Du kannst ihn bei Amazon kaufen! (Affiliate-Link)

Bildnachweise:
Beitragsbild: „Titelbild von ‚The Vampyre; A Tale‘, Verlag Sherwood, Neely, and Jones, London 1819, gemeinfrei / „John Polidori“ – Gemälde von F.G. Gainsford, gemeinfrei / Titelbild der deutschsprachigen Erstausgabe, Verlag Leopold Voß, Leipzig 1819, gemeinfrei

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.