Daniel Defoe – Die Pest zu London

Daniel Defoe – Die Pest zu London

Ein fauliger Gestank kriecht durch die Gruselstube. Fliegen sirren um eine vergilbte Sammlung von Blättern, die durch ein raues Band zusammengeschnürt sind. Vorsichtig hebst du sie an. Es ist Die Pest zu London, ein Bericht aus der Feder von Daniel Defoe.

Zuerst sind es nur Gerüchte, die im September des Jahres 1664 in London umgehen. In den Niederlanden soll es zu einem Ausbruch der Pest gekommen sein. Von einigen werden diese Nachrichten mit grimmer Genugtuung vernommen. England und die Niederlande sind Rivalen, die um die Kontrolle der Nordsee und das Ärmelkanals kämpfen. Der letzte Krieg liegt gerade einmal zehn Jahre zurück.

Daniel Defoe ist zu diesem Zeitpunkt etwa fünf Jahre alt. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt und noch trägt er den Familiennamen Foe. Der Schriftsteller, der durch Robinson Crusoe weltberühmt werden wird, erlebt als Kind erschütternde Katastrophen in seiner Heimatstadt London. Die Pest, die schließlich auch die Metropole an der Themse erreicht, ist nur die erste von ihnen.

Daniel Defoe - Autor von "Die Pest zu London"
Daniel Defoe – Autor von „Die Pest zu London“ / Gemälde von Godfrey Kneller, gemeinfrei

Im folgenden Winter mehren sich die ersten Todesfälle in London. Im Frühjahr 1665 wird festgestellt, dass einige von der Verstorbenen unter einem außergewöhnlichen Fieber litten. „Dies alarmierte uns alle und furchtbare Annahmen wurden von den Leuten getroffen, insbesondere da das Wetter sich bald ändern und es wärmer werden würde, denn der Sommer nahte.“ So beschreibt es Daniel Defoe als Erwachsener im Jahr 1722 in A Journal of the Plague Year. Darin gibt er neben seinen eigenen Eindrücken und den Ergebnissen aufwendiger Recherchen vermutlich auch die Erinnerungen seines Onkels Henry Foe wieder.

1665 – Ein tödlicher Sommer in London

Im Juni bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen, denn das Fieber breitet sich immer weiter in London aus. „Wer die Merkmale der Krankheit verbergen konnte, tat dies und mied seine Nachbarn, um diese nicht zu beunruhigen und um die Behörden davon abzuhalten, die gesamte Nachbarschaft abzuriegeln.“ Schließlich, im Juli, bricht die Pest zu London vollends aus und fordert zahlreiche Tote.

Der Erzähler, durch dessen Augen Defoe die Geschehnisse schildert, bleibt in der Stadt, während viele andere Londoner ihre Häuser verlassen, um aufs Land zu fliehen. Als Ladenbesitzer will er sein Geschäft nicht aufgeben. Die ersten leerstehenden Häuser werden bereits geplündert . So verharrt er inmitten der Schrecken, die um ihn herum ausbrechen. Im August erreicht die Flucht ihren Höhepunkt, wie Defoe berichtet: „Das Antlitz Londons und seiner Bürger veränderte sich auf gar merkwürdige Weise. […] Trauer und Sorge lagen über jedem Gesicht. Auch wenn die Stadt noch nicht gänzlich am Boden schien, wirkte jedermann tief betroffen.“

Defoe, der seine schreiberische Tätigkeit als Journalist begann, schildert die Ereignisse detailgetreu und zeichnet sogar nach, welche Straßenzüge in welcher Form von der Pest zu London betroffen sind. Immer wieder streut er zudem Tabellen mit Opferzahlen in seinen Bericht ein. Zudem lässt Defoe seinen Erzähler an manchen Stellen auch zweifeln und lässt ihn einige Dinge nur wiedergeben, soweit er sich erinnern kann. Durch diese Stilmittel gewinnt seine Erzählung an Glaubwürdigkeit. Auch wenn es sich bei dem Erzähler und seiner Familie um fiktionale Figuren handelt, erscheinen sie realistisch.

Daniel Defoe schildert die Auswirkungen der Pest mit beängstigender Genauigkeit

So verhält es sich auch mit einzelnen Episoden, die Defoe zwar prosaisch aufarbeitet, die aber auf wahren Ereignissen beruhen. Zum Beispiel bricht irgendwann die medizinische Versorgung zusammen und Scharlatane füllen die Lücke, die geflohene oder verstorbene Ärzte hinterlassen. Dass aber auch die studierten Mediziner nicht kostenfrei arbeiten, belegen die vielen unbezahlten Rechnungen, die an die Türen von Seuchenhäusern genagelt werden und bald durch verwaiste Straßen flattern.

Die trostlose Stimmung lässt sich irgendwann nicht einmal mehr aufhellen. Sämtliche Aufführungen von Gesang, Schauspiel oder Musik werden verboten. Stattdessen greift das puritanische Regime der Kirche von England hart durch. „Gebete wurden angesetzt und Tage des Fastens und der Demut, in denen ein jeder öffentlich seine Sünden beichten und die Gnade Gottes erflehen sollte.“ Die Pest zu London wird als Bestrafung für menschliche Sünden verstanden.

Die Pest zu London fordert zahllose Leben
Die Pest zu London fordert zahllose Leben. / Illustration von Unbekannt, gemeinfrei.

Doch es trifft auch die Unschuldigen. Defoe schildert, wie auch Kinder und junge Menschen sterben. So schreibt er, dass er von einer Tochter gehört hat, die sich bei ihrer Mutter über zunehmende Kopfschmerzen beklagte. „Während die Mutter die junge Frau entkleidete und sie ins Bett legte, entdeckte sie im Schein einer Kerze die Male der Pest an ihren Schenkeln. Vor Entsetzen ließ die Mutter die Kerze fallen und schrie in solch erschütternder Art auf, dass selbst das härteste Herz davon berührt wurde.“ Kreischend und dem Wahnsinn nahe rennt die Mutter durch das Haus, während ihre Tochter langsam an der Pest verstirbt. Wenige Wochen später stirbt auch sie, jedoch nicht aufgrund der Krankheit, sondern vor Trauer.

Die Pest zu London macht keine Unterschiede zwischen den Menschen

Todgeweihte Menschen wandern durch die Straßen. Wer London verlässt, wird wie ein Ausgestoßener behandelt und stirbt oft nicht an der Pest, sondern am Hunger, die niemand Obdach gewährt. Leichname werden gemieden und bleiben oft tagelang dort liegen, wo sie gestorben sind. Die Obrigkeit kommt it den Bestattungen nicht hinterher. Gruben werden ausgehoben, die Dutzende Tote fassen. Doch es reicht nicht. Auf dem Höhepunkt der Pest zu London, sterben hunderte Menschen pro Woche.

Szenen wie diese sind es, welche Die Pest zu London fast wie eine Schauergeschichte wirken lassen. Dabei ist Defoes Erzählung die realistische Schilderung der Seuche, die London im Jahr 1665 heimsucht. Spätere Geschichten wie Die Maske des Roten Todes, in der Edgar Allan Poe beschreibt, wie sich einige Privilegierte von einer Seuche abschotten, funktionieren als Allegorie, haben mitunter sogar eine übernatürliche Komponente, wie zum Beispiel The Stand von Stephen King. Auch die fiktiven Erzählungen Die Pest in Bergamo von Jens Peter Jacobsen oder Die Pest von Alber Camus, folgen trotz realitätsnaher Darstellung übergeordneten Motiven.

Der Einfluss von Daniel Defoes Die Pest zu London ist in diesen Geschichten spürbar. Mehr aber noch in Filmen wie Outbreak oder Contagion, die eine möglichst realistische Darstellung von Pandemien anstreben. Letztlich bleibt die Hoffnung der Überlebenden, dass es nach der Seuche wieder besser werden wird, ein gemeinsames Element.

Hoffnung in Zeiten der Not

Blickt man auf Daniel Defoes Kindheit, ist diese Hoffnung bitter nötig. Die Pest zu London endet nach einem Jahr und über 100.000 Toten. Noch im Sommer 1666 werden Todesfälle der Pest zugeordnet. London verliert insgesamt etwa ein Viertel seiner Bevölkerung. Die nächste Katastrophe in diesem Jahr, ist das Große Feuer, das in der entvölkerten Stadt ausbricht und das Zentrum Londons verwüstet. Gleichzeitig ist erneut Krieg mit den Niederlanden ausgebrochen. 1667 stößt eine Flotte über die Themse bis in die Außenbezirke der gebeutelten Stadt vor und verbreitet Schrecken.

Dass nach diesen Katastrophen freudige Erleichterung die Überlebenden zusammenschweißt, ist auch auf den letzten Seiten von Die Pest zu London zu erkennen. Als bekannt wird, dass die Opferzahlen sinken, wagen sich die Überlebenden wieder aus ihren Häusern. „Ein freudiges Lächeln lag auf jedem Gesicht und auf den Straßen schüttelten sich Menschen erleichtert die Hände, die ansonsten kaum voneinander Notiz nehmen würden. Wo die Straßen nicht so breit waren, öffnete man die Fenster und tauschte sich mit den Nachbarn aus, wie man die letzten Wochen überstanden habe und ob die frohe Kunde vernommen wurde, dass die Pest überstanden sei.“

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „City of London from Southward, ca. 1630“, Gemälde von Unbekannt, gemeinfrei / „Daniel Defoe“ – Gemälde von Godfrey Kneller, gemeinfrei / „The Great Plague of London in 1665“, Illustration von Unbekannt, gemeinfrei.

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