Johann Wolfgang von Goethe – Die Braut von Korinth

Johann Wolfgang von Goethe – Die Braut von Korinth

Ein leises Seufzen ist in der Gruselstube zu vernehmen. Hinter einem Vorhang tritt plötzlich eine junge Frau hervor, gekleidet in ein weißes Gewand. Blass sieht sie aus, irgendwie leblos. Aber sie lächelt verführerisch. Die Braut von Korinth, wie Goethe sie beschrieb, tritt vor dich.

Das Jahr 1797 wird als das Balladenjahr in die deutsche Literaturgeschichte eingehen. Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller sind in diesem Jahr außerordentlich produktiv und stehen in einem regen Austausch miteinander. Gleichzeitig schreiben sie an einigen ihrer bekanntesten Balladen, die gemeinsam im von Schiller herausgegebenen Musen-Almanach für das Jahr 1798 erscheinen sollen.

Schiller verfasst unter anderem Der Handschuh und Der Ring des Polykrates, Goethe mit Der Zauberlehrling eines seiner bekanntesten Werke. Auch Die Braut von Korinth entsteht in jenen Monaten, Goethes Auseinandersetzung mit dem Vampirtopos.

In dieser Ballade beschreibt Goethe, wie in antiken Zeiten ein junger Mann aus Athen nach Korinth reist. Dort lebt ein alter Freund seines Vaters. Miteinander haben die Männer einst ausgemacht, dass ihre Kinder einander heiraten werden. Der Athener möchte nun dieses Versprechen einfordern und seine zukünftige Braut sehen.

Das einzige Problem: Die Korinther sind inzwischen Anhänger des christlichen Glaubens, während die Familie des Atheners noch die alten Götter verehrt. Dennoch wird der Jüngling gastfreundlich aufgenommen. Allerdings ist es tief in der Nacht und nur die Mutter der Familie noch wach. Sie bringt den jungen Mann in einem Gästezimmer unter und vertagt weitere Fragen auf den nächsten Tag.

Die Braut von Korinth erscheint in der Nacht

Doch der Athener wird noch in der Nacht seine Braut kennenlernen. Gekleidet in ein weißes Gewand, betritt eine junge Frau das Zimmer. Ein Schleier verbirgt ihr Gesicht, lässt aber erkennen, dass sie einen schwarz-goldenen Reif um die Stirn trägt. Auch ihre hübschen Züge bleiben dem Gast nicht verborgen, sodass er sie auffordert, sich zu ihm zu legen. Ihre leichenblasse und eiskalte Haut scheint den Jüngling nicht abzuschrecken.

Goethe ist seit seiner Italienreise einige Jahre zuvor und seitdem seine Beziehung zu Christiane Vulpius begann, ein erotischer Freigeist. Während er für die meisten seiner Werke in der Weimarer Gesellschaft gefeiert wird, gelten einige jedoch als anstößig. Wie auch Die Braut von Korinth, in der die Liebeleien zwischen dem Jüngling und der nächtlichen Braut zwar nur angedeutet werden, aber doch eindeutig als sexuelle Handlungen zu erkennen sind.

Christiane Vulpius - Goethes Frau
Christiane Vulpius / Zeichnung von Johann Wolfgang von Goethe, gemeinfrei

Die Mutter wird schließlich von den Geräuschen der Liebenden geweckt. Verärgert darüber, dass sich in ihrem Hause eine Frau noch in der ersten Nacht hingibt, reißt sie die Tür auf. Schockiert erkennt sie, dass es eine ihrer Töchter ist, die sich mit dem Athener das Lager teilt. Doch nicht nur der Liebesakt ist es, der die Mutter erschüttert. Diese junge Frau, ihre Tochter, müsste eigentlich tot sein.

Die vermeintlich Tote klagt die Mutter an, dass sie Schuld am Tod ihrer Tochter habe. Nachdem sie zu Christen geworden waren, hatte die Familie entschieden, dass eine ihrer Töchter ein keusches Leben führen solle. Die Tochter jedoch, in froher Hoffnung auf die ihr versprochene Ehe, starb vor Gram.

Eine unerfüllte Liebe weckt die Toten

Die Ankunft ihres einstigen Verlobten weckte die Braut von Korinth aus ihrem Grabe. Der Hunger auf das Leben trieb sie in das Zimmer des Atheners. Während des Leibesspiels nahm sie es ihm, saugte es aus ihm heraus. Alt und ergraut ist er nun und selbst dem Tode nahe. Die Tochter richtet eine letzte Bitte an die Mutter. Sie möge einen Scheiterhaufen aufschichten und die beiden Liebenden darauf betten. Im Feuer der alten Götter werden die beiden gemeinsam Ruhe finden.

Die Inspiration für Die Braut von Korinth fand Goethe im Werk des Phlegon von Tralleis, der im 2. Jahrhundert lebte und Beamter am römischen Kaiserhof war. Er sammelte allerlei wundersame Geschichten, darunter auch die Erzählung über die Braut von Amphipolis.

Der junge Machates besucht eine Familie, die mit seiner befreundet ist. Während er bei ihnen übernachtet, wird er von einer jungen Frau namens Philinnion besucht. Was er nicht weiß, ist, dass dies auch der Name der verstorbenen Tochter seiner Gastgeber ist. Auch in der nächsten Nacht sucht sie Machates auf, der sich inzwischen in seine Besucherin verliebt hat.

Als er am Morgen von den nächtlichen Besuchen erzählt, sind seine Gastgeber außer sich. Es muss sich um eine Grabräuberin handeln, wie sie vermuten. Machates hat von ihr einen goldenen Ring erhalten, die Grabbeigabe der verstorbenen Philinnion. Er kann nur aus dem Grab entwendet worden sein.

Eine Geschichte aus der Antike inspirierte den Dichter

In der dritten Nacht legen sich die Eltern auf die Lauer, um die vermeintliche Hochstaplerin zu erwischen. Tatsächlich erscheint sie wie zur üblichen Zeit in Machates‘ Zimmer. Als sie die heimlichen Beobachter bemerkt, wendet sie sich ihnen zornig entgegen. Was ihnen einfalle, die traute Zweisamkeit zu stören, wo sie doch niemandem geschadet habe. Es sei der Wille der Götter, dass sie, die sich als Mädchen in den jungen Machates verliebt habe, nun die Nächte mit dem Jüngling verbringen dürfe.

Mit diesen Worten stürzt sie zu Boden. Sie ist tot, wie ihre erschütterten Eltern feststellen. Sie haben ihre Tochter zum zweiten Mal verloren. Denn die Grabkammer wird leer vorgefunden. Machates, zutiefst verstört von dieser Liebe aus dem Grab, nimmt sich selbst das Leben und folgt seiner Geliebten in den Tod.

Eine Liebe aus dem Grab
Eine Liebe aus dem Grab / Foto von Marc Thorbrügge

Goethe greift diese Erzählung in Die Braut von Korinth auf, versieht sie jedoch mit einer eindeutigeren erotischen Komponente. Die liebende Braut aus dem Grab, sie saugt dem Geliebten das Leben aus. Die Ballade wird dadurch zu einem Vorläufer der romantischen Vampirgeschichten, die im 19. Jahrhundert entstehen. Die Vampirin Carmilla von Sheridan LeFanu und Lord Ruthven aus John Polidoris Der Vampyr stillen durch das Blutsaugen nicht nur ihren Hunger nach Leben. Sie sind von einem erotischen Verlangen getrieben. Auch Bram Stokers Dracula erwählt sich seine Opfer aufgrund sexueller Anziehung.

Ist das Verlangen in diesen Geschichten gestillt, endet die Liebe. Die Opfer der Vampire sterben, woraufhin die Blutsauer entweder verbittern oder sich gefühlskalt einem neuen Ziel zuwenden. Anders verhält es sich jedoch bei Die Braut von Korinth. Die Liebende verzehrt ihren Geliebten, um mit ihm im Tod vereint zu sein. In ihrer Liebe, nicht in ihrem Unleben, ist sie unsterblich.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „In den Ruinen von Tamerzat“, Fotografie von Marc Thorbrügge / „Christiane Vulpius“, Zeichnung von Johann Wolfgang von Goethe, gemeinfrei / „Zugang zu den Thermen in der Festung von Kelibia“, Fotografie von Marc Thorbrügge

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