Das eingemauerte Kind von Neustadt

Das eingemauerte Kind von Neustadt

Es ist totenstill in der Gruselstube. Da hörst du auf einmal ein Wimmern, das aus der Wand neben dir zu kommen scheint. Ist das ein kleines Kind? Schaudernd denkst du an eine alte Sage. Ist es das eingemauerte Kind?

Wer in der Stadt Neustadt am Rübenberge weilt und die Altstadt besucht, wird auf die alte Festungsanlage aufmerksam werden. An der Leine gelegen, besaß der Ort schon früh eine hohe strategische Bedeutung. Erich II., Herzog von Braunschweig-Lüneburg, ließ deswegen im 16. Jahrhundert die Stadt befestigen. Herzstück des Festungswerk war die Bastion Landestrost, die ihm gleichsam als Stadtschloss diente.

An einer Stelle der Westmauer ist ein menschenähnliche Umriss zu erkennen. Hier soll einst das Abbild einer Frau zu sehen gewesen sein. Eine alte Sage weiß auch eine Erklärung, warum dies so ist. Und zwar soll es sich beim Bau der Festung begeben haben, dass eine Stelle der Mauer immer wieder nachgab und absackte. Sumpfig war der Boden und vergeblich deswegen jede Bemühung der Steinmetze.

Doch eines Tages erschien ein fremder Mann in der Stadt. Er war, so sagte er, ein wandernder Steinmetz und bot seine Dienste an. In der ganzen Welt sei er herumgekommen und habe einiges hilfreiches Wissen gesammelt. So riet der den Arbeitern etwas abscheuliches, das aber den Erfolg garantieren sollte: ein lebendig eingemauertes Kind würde, so versprach er, die Erdgeister besänftigen und die Mauer festigen.

Wer ist das eingemauerte Kind?

In der Stadt lebte damals eine bettelarme Frau, die alleine ein Kind großzog. Sie war so verzweifelt, dass sie das Gold annahm, das man ihr anbot. Angeleitet vom fremden Steinmetz nahmen die Arbeiter das Kind mit und verrichteten grimmig ihr grausames Werk. Stein für Stein mauerten sie das kleine Kind ein. Die Erdgeister waren besänftigt und die Mauer hielt. Der fremde Steinmetz aber, lächelte nur zufrieden. Die Mutter jedoch, bereute den Verkauf des Kindes zutiefst. Zuerst schleuderte sie das erhaltene Gold in einen nahen Teich und sprang schließlich selbst hinterher, sodass sie schließlich ertrank.

In Celle gibt es eine ähnliche Geschichte. Dort gab angeblich eine Mutter ihr ohnehin todkrankes Kind her, um die Grundmauern durch das Einmauern des Kindes zu festigen. Auch in Höxter soll ähnliches geschehen sein. Dort wurde der Sage nach ein am Ofenhäuser Tor ein kleines Kind eingemauert, um die Befestigungen unüberwindbar zu machen. Alle sieben Jahre soll nun das Wehklagen des Kindes zu hören sein.

Woher kommen diese Geschichten von eingemauerten Kindern? Ist es alter Aberglaube, nach dem ein Menschenopfer mit der aus ihm strömenden Kraft seine Umgebung stärkt. Oder wusste man einige Jahrhunderte später nichts mehr mit den verwitterten Reliefs von Heiligen anzufangen? Erklärten die Bürger sich so die kaum sichtbaren menschlichen Umrisse? Oder hatten sie einfach Freude an gruseligen Geschichten?

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Bildnachweis:
Beitragsbild: „Steinwand“ – Fotografie von Kriemer, Pixabay

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