Wikinger gegen Draugr – Glámur der Wiedergänger

Wikinger gegen Draugr – Glámur der Wiedergänger

Aus einem Fenster in der Gruselstube blickend, siehst du einen alten Hügel. Ist das ein Grabhügel? Hat sich dort etwas bewegt? Ja, eine Gestalt wankt auf dich zu und du denkst zitternd an die Geschichte von  Glámur dem Wiedergänger.

Zu seinen Lebzeiten, um das Jahr 1000 herum, soll Grettir der stärkste Mann in Island gewesen sein. Bereits in seiner Kindheit zeigt sich, dass er ein ungestümer und furchtloser Krieger, ein Wikinger, werden wird. Anstatt die Gänse zu hüten, bringt er sie einfach um. Im Alter von sechzehn Jahren tötet er erstmals einen anderen Mann. Daraufhin wird er für drei Jahre verbannt und verlässt Island in Richtung Norwegen.

Dort trifft Grettir erstmals auf einen Untoten. Auf der Suche nach Abenteuern und Schätzen stößt der Wikinger auf den Grabhügel von Kar. Dieser Mann lebt zwar nicht mehr, aber er ist auch nicht tot. Er ist aus dem Leben gerissen, wandelt aber immer noch auf Erden und bewacht seine Grabbeigaben.  Als Grettir den düsteren Grabhügel öffnet, attackiert Kar den Isländer.

Aufgrund der Enge entbrennt ein gnadenloser Faustkampf gegen den skelettierten Wiedergänger, den Grettir der Starke jedoch für sich entscheiden kann. Als er Kar niedergerungen hat, enthauptet er ihn und tötet den Wiedergänger, den Draugr damit endgültig. Es soll nicht der einzige Kampf bleiben, den Grettir gegen einen Untoten führt. Seine nächste Begegnung mit einem Wiedergänger, der Kampf gegen Glámur, wird verhängnisvolle Folgen haben. Der Schatz von Kar hingegen, macht ihn reich.

Wiedergänger – der Schrecken aus dem Grab

Die Wikinger kennen zahlreiche Geschichten über Untote, die in der altnordischen Sprache Draugr genannt werden. Personen, die schon zu Lebzeiten Unruhe stiften, stehen in Verdacht, nach ihrem Tod nicht ruhig im Grab zu liegen. Sie ziehen umher und stiften Unruhe, wo sie nur können. In alten Sagas sind es oft die letzten Heiden, die nach der Christianisierung noch dem alten Glauben anhängen, die im Tod nicht davon lassen können, nach dem Seelenheil der Lebenden zu greifen. So auch der größte Gegner Grettirs, der sein Verhängnis wird. 

Grettir der Starke, Held einer Saga
Grettir der Starke, Held einer Saga / Illustration von Unbekannt, gemeinfrei

Nachdem seine Verbannung endet, kehrt Grettir in seine Heimat zurück. Er landet im Ort Vatnsdal in Nordisland. Dort lebt ein Gutsherr namens Thorhall, der unter einem unbezwingbar scheinenden Schrecken leidet. Denn einst diente Thorhall ein Schäfer namens Glámur. Obwohl der Gutsherr seinen Diener respektierte, war dieser beim Rest des Haushalts verhasst. Die laute Stimme, mit der Glámur die Schafe kommandierte, war ihnen unangenehm. Er ging nie in die kleine Kirche des Ortes und war zudem ein sturer Dickkopf. Gerne blieb der Heide für sich.

Als er am Vortag des Julfests, am christlichen Heiligabend, mit seiner Herde aufbricht, wundert sich deswegen niemand über Glámurs lange Abwesenheit. Gleichwohl hatte Thorhalls Frau dem Schäfer abgeraten, an diesem Tage zu arbeiten. Der neue Gott würde dies als Sünde sehen, hatte sie Glámur gesagt, und Sünder gnadenlos bestrafen. Erst am Abend wird der Schäfer vermisst, doch ein Schneesturm verhindert die Suche nach ihm. Am nächsten Tag, dem Weihnachtstag, finden die Bewohner von Vatnsdal den toten Glámur im Schnee. Schwarz ist sein Leib vom Forst und angeschwollen durch das gefrorene Blut. War dies Gottes Strafe?

Der sture Heide findet keine Ruhe

Glámurs Begräbnis steht bereits unter üblen Vorzeichen. Zunächst wird sein Leichnam in der Nähe des Fundortes zurückgelassen. Am zweiten Weihnachtstag kehren die Männer zurück, schaffen es jedoch nicht, den gefrorenen Leichnam zu bewegen. Am Tag darauf nehmen sie einen Priester mit, um Glámur direkt dort zu bestatten. Doch der tote Schäfer ist nicht aufzufinden.

So verschiebt sich das Begräbnis auf den nächsten Tag, doch ein zweites Mal will der Priester nicht mitkommen. Er warnt davor, dass der Leichnam bereits verflucht sei und sich in der Nacht bewegen würde. Ja, ein böser Geist habe Glámur getötet. Schließlich finden die Männer aus Vatnsdal doch noch den Leichnam von Glámur. Hat er sich tatsächlich bewegt? Anstatt ihn zur Kirche zu bringen, bedecken sie den toten Körper mit Steinen und verlassen eilig den unheilvollen Ort.

Die Draugr plagen die Lebenden
Die Draugr plagen die Lebenden / Gemälde von Theodor Kittelsen, gemeinfrei

Schon bald mehren sich die Anzeichen, dass Glámur in seinem ungeweihten Grab keine Ruhe findet. In der Nacht wandert er umher, verletzt andere Männer und raubt ihnen das Bewusstsein. Die Bewohner von Vatnsdal sehen ihn unter den Dielen ihrer Häuser umherhuschen und hören ihn nachts auf ihren Dächern reiten. Der Wiedergänger plagt das Dorf so sehr, dass zahlreiche Menschen den Ort verlassen. Die jedoch, die bleiben, leiden umso stärker unter dem Terror Glámurs.

Schließlich erreicht Grettir der Starke den Ort. Thorhall zeigt sich erfreut, dass der inzwischen wohlbekannte Wikinger bleiben will. Doch er verheimlicht ihm nicht, mit welcher schaurigen Kreatur sie es zu tun haben. Thorhall zeigt seinem Gast die Spuren, die Glámur in der Nacht hinterlässt. Doch die Wunden der Männer und die Schäden an Häusern und Türen, ängstigen Grettir nicht. Er schwört, den Wiedergänger zu vernichten.

Die Draugr neiden den Lebenden ihre Existenz

Den Draugr wurde nachgesagt, dass sie den Lebenden das Leben neiden. Sie spüren, dass sie etwas wichtiges, ja essenzielles, verloren haben. Sie ziehen los und zerstören die behaglichen Hütten, damit allen so kalt ist, wie den Toten in ihrem Grab. Ja, mitunter rauben sie sogar die Lebenskraft, bevorzugt von jungen Menschen. In dieser Eigenschaft sind sie Vampiren nicht unähnlich. Glámur hingegen, scheint sich mit stumpfer Zerstörung zu begnügen. Also entschließt sich Grettir, den Wiedergänger direkt zu konfrontieren. 

Grettir legt sich in Thorhalls Halle auf die Lauer, verborgen unter einer zerlumpten Decke. Der Raum wurde bereits von Glámur verwüstet und ist unbewohnbar geworden. Als die Sonne untergeht, wird es beinahe völlig dunkel in dem Langhaus. Nur die glimmende Glut eines kleinen Feuers sorgt für schwaches Licht, während kalter Nachtwind durch die ramponierte Tür weht.

Schließlich, kurz vor Mitternacht, hört Grettir Geräusche über sich. Ein Knacken und Brechen, ein Schaben und Treten. Das, so denkt der Wikinger sich, muss der Draugr sein. Schließlich erreicht der Lärm die Tür. Als sie aufgestoßen wird, erblickt Grettir das finstere Haupt des Draugr. Gefasst verharrt er regungslos unter der Decke und bleibt so versteckt, während der Wiedergänger durch die Halle streift. Doch als sich der richtige Moment bietet, springt Grettir auf und greift Glámur an.

Im Mondlicht entscheidet sich der Kampf mit dem Wiedergänger
Im Mondlicht entscheidet sich der Kampf mit dem Wiedergänger / Fotografie von hschmider, Pixabay

Es entbrennt ein erbitterter Kampf, während dem die Halle noch mehr verwüstet wird. Grettir verwickelt die untote Kreatur in einen Ringkampf und versucht sie, mit Willen und Stärke zu überwinden. Der Wikinger schafft es schließlich, den Wiedergänger aus der Tür zu stoßen, wobei dieser gegen den Sturzbalken prallt. Das Haus beginnt zu zittern und Teile des Daches brechen ein. Grettir schafft es gerade eben noch ins Freie und sieht, wie der Draugr beunruhigt zum Vollmond hinauf blickt. Dessen Licht, so folgert Grettir, scheint das einzige zu sein, was den Wiedergänger ängstigt.

Grettir besiegt Glámur – leidet aber unter den Folgen

Grettir nutzt diesen Moment und greift Glámur an. Dieser jedoch, als er spürt, dass seine Zeit endgültig gekommen ist, nutzt seine letzten Augenblicke, um Grettir zu verfluchen. Von diesem Augenblicke an soll Grettir nicht mehr stärker, sondern nur noch schwächer werden. Sein Ruhm soll verblassen, angesichts der schlechten Taten, der bald vollbringen wird. Er soll verbannt werden und dazu verdammt sein, niemals Glück zu finden. Grettir, erzürnt durch diese Worte, greift zu seinem Schwert und enthauptet Glámur. Das Unleben des Wiedergängers hat damit ein Ende.

Zwar wird Grettir für seinen Sieg gefeiert, doch Glámurs letzte Worte bewahrheiten sich schließlich. Alles, was Grettir beginnt, endet tragisch. Die Mitglieder seiner Familie sterben gewaltsam, all seine Erfolge sind nur von kurzer Dauer. Die Situation eskaliert, als Grettir versehentlich ein Feuer auslöst, durch das fünf Menschen sterben. Deren Verwandte fordern Rache und lösen damit weitere Gewalttaten aus. Grettir stirbt schließlich, nach Jahren voll Unglück und Leid, durch die Hände seiner Feinde. Der Fluch des Wiedergängers hat sich damit erfüllt.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Wikingergrab“, Fotografie von Efraimstochter, Pixabay / „Grettir der Starke“, Illustration von Unbekannt, gemeinfrei / „Die Pest auf den Stufen“, Gemälde von Theodor Kittelsen, gemeinfrei / „Mondlicht“, Fotografie von hschmider, Pixabay

 

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