Johannes Nider – Eine Nacht am Bett einer Hexe

Johannes Nider – Eine Nacht am Bett einer Hexe

Es wird dunkel in der Gruselstube. Draußen ist es Nacht geworden und die Zeit ist gekommen, sich ins Bett zu legen. Tatsächlich bemerkst du in deiner Nähe, im Zwielicht, eine Schlafstatt. Zwischen den Laken findest du ein Blatt Papier, einen Bericht. Er stammt von Johannes Nider, der einst eine Nacht am Bett einer Hexe verbrachte.

Das Allgäu, im späten Mittelalter. In der kargen Landschaft nördlich der Alpen, liegt ein heute vergessenes Dorf. Seine Bewohner gehen in der Abgeschiedenheit ihren täglichen Geschäften nach, ungestört von den wenigen Reisenden. Eine Bewohnerin jedoch, eine alte Frau, sorgt für Unruhe.

Sie sagt, dass sie nachts davonfliegen und sich dem Zug der Diana anschließen würde. Die alte Frau bezeichnet sich als Hexe und sondert sich zusehends vom Rest der Dorfgemeinschaft ab. Die anderen Bewohner zeigen sich besorgt. Doch es ist nicht der Zustand der angeblichen Hexe, der sie beunruhigt, sondern die Gefahr, dass die Inquisition auf die alte Frau und das kleine Dorf aufmerksam wird. 

Die Inquisition geht zu jener Zeit hart gegen Ketzer in den Reihen der Kirche vor. Doch auch einfache Leute können in ihr Visier geraten. Vor allem Frauen, aber auch Männer, landen schnell auf dem Scheiterhaufen. Ihre Verfolgung beginnt im westlichen Alpenraum, wo erstmals von einer Vielzahl an Hexen berichtet wird. Hier wird auch Johannes Nider geboren, der im Jahr 1402 dem Dominikaner-Orden beitritt.

Noch heute ist Johannes Nider für sein Werk Formicarius bekannt, dessen Titel sich mit Der Ameisenstaat übersetzen lässt. In solch einem geordneten und disziplinierten Staat sieht Nider das Idealbild einer Gesellschaft. Zumindest der Klerus, die kirchliche Gemeinschaft, soll sich strengen Regeln unterwerfen. Die Ketzer und Häretiker, auch die Hexen, betrachtet er als allgemeine Gefährdung dieser Harmonie.

Der Formicarius – Die Gesellschaft als harmonischer Ameisenstaat?

In seinem Formicarius verarbeitet Johannes Nider die Berichte des Peter von Greyerz, der in der Gegend von Bern angeblich zahlreiche Hexen verbrennen und vertreiben ließ. Heute weiß man, dass Greyerz mit diesen Anschuldigungen und seinen brutalen Methoden vor allem die Bevölkerung des Simmentals gefügig machen will, das einige Jahre zuvor von der Republik Bern eingegliedert worden war.

Johannes Nider sammelt diese Berichte, möchte sie aber auch um eigene Erfahrungen ergänzen. Denn der Dominikaner ist skeptisch. Selbst hat er nie eine Hexe bei ihren Taten ertappt. Dabei ist er häufig auf Reisen, überwacht und prüft vermeintliche Ketzer. Ein offizieller Inquisitor ist er nicht, aber die Observanz, die Durchsetzung und Aufrechterhaltung der Regeln, ist ihm außerordentlich wichtig.

Johannes Nider - Der Dominikaner sammelt Berichte über Hexen
Johannes Nider – Der Dominikaner sammelt im „Formicarius“ Berichte über Hexen / Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

Auf einer seiner Reisen hört Johannes Nider von dem kleinen Dorf im Allgäu, in dem eine alte Frau behauptet, eine Hexe zu sein und fliegen zu können. Spontan entscheidet er sich für einen kleinen Umweg. Als sich im Dorf herumspricht, dass ein Mann der Kirche auf dem Weg sei, macht sich dort Angst breit. Wenn erst einmal eine Hexe angeklagt wird, werden dann weitere Anschuldigungen folgen?

Johannes Nider wagt sich ans Bett der Hexe

Doch als Johannes Nider in dem Dorf eintrifft, zeigt er nur Interesse an der alten Frau, der vermeintlichen Hexe. Er begibt sich direkt zu ihrer Hütte und begrüßt die vermeintliche Hexe freundlich. Diese lächelt den Dominikaner nur verächtlich an. Offen gibt sie zu, eine Hexe zu sein. Eine magische Salbe, deren Rezept nur wenigen Eingeweihten bekannt sei, würde sie fliegen lassen.

Nider ist neugierig. Wie genau es funktionieren würde, fragt er, doch die alte Frau winkt ab. Um sie fliegen zu sehen, so sagt sie und grinst finster, müsse er schon eine Nacht an ihrem Bett verbringen. Der Dominikaner nickt und willigt in das Angebot der Hexe ein. Der keusche Kirchenmann folgt ihr in ihre Hütte, während draußen die Sonne untergeht.

Es ist dunkel und doch kann Johannes Nider, wie die Frau sich vor ihm entkleidet. Der auf Anstand bedachte Mann wendet sich ab, doch die Hexe verlangt von ihm, zuzusehen, wie sie die magische Salbe aufträgt. Nider blickt widerwillig auf den hageren, faltigen Körper und beobachtet, wie die alte Frau ein kleines Tongefäß von einem Regal nimmt. Darin befindet sich eine schmierige Paste, offenbar die magische Salbe.

Am ganzen Körper reibt die alte Frau sich vor Niders Augen ein und legt sich schließlich nackt ins Bett. Sie schläft ein und abgesehen von ihrem leisen Atem ist es totenstill. In dieser Nacht meiden die anderen Dorfbewohner die Hütte der Hexe. Unter ihnen zweifelt keiner an ihren Worten.

Magische Kräfte oder ein kranker Geist?

Schließlich kann Johannes Nider in der Dunkelheit Bewegungen ausmachen. Vor seinen Augen fängt die Frau an, sich zuckend zu bewegen. Wie von unsichtbaren Kräften geführt, rutscht sie auf den Rand ihres Bettes zu. Schließlich schiebt sie sich über die Bettkante, streckt die Arme aus, spannt die Beine an, scheint sich jeden Moment in die Lüfte zu erheben – doch es passiert nichts.

Krachend fällt die alte Frau zu Boden, immer noch zuckend. Johannes seufzt, krempelt die Ärmel hoch und hebt die vermeintliche Hexe wieder zurück ins Bett. Der Dominikaner ist überzeugt, dass diese Frau keine Hexe ist, sondern lediglich eine arme, verwirrte Seele. Am nächsten Morgen rät er den anderen Dorfbewohnern, ab und zu nach der alten Frau zu sehen, die offenbar nicht mehr ganz bei Verstand ist. Er bricht auf und fügt diese Geschichte seinem Formicarius zu. Ein Scheiterhaufen wurde nicht gebraucht.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Sonnenuntergang“ von TRFotos, Pixabay, „Johannes Nider“, Zeichnung von Unbekannt, gemeinfrei

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