Das Hexenkind – Der letzte Hexenprozess von Köln

Das Hexenkind – Der letzte Hexenprozess von Köln

Eine große, alte Truhe ruht in einer dunklen Ecke der Gruselstube. Staub rieselt vom Deckel, als du sie öffnest. Darinnen findest du alte Prozessakten. Du greifst nach der letzten, ganz rechts, und ziehst sie hinaus. Entgen Lenarts steht darauf geschrieben. Du erinnerst dich: Das Hexenkind – Der letzte Hexenprozess von Köln.

Entgen Lenarts ist zehn Jahre alt, als sie mit ihren beiden Geschwistern bettelnd durch die Stadt Köln zieht.  Im Jahr 1653 zählt Köln etwa 40.000 Einwohner und ist damit eine der größten Städte des Deutsch-Römischen Reiches. Vagabunden sind ein alltäglicher Anblick in der Stadt. Auch mittellose Kinder, die sich mit einfachen Arbeiten von Tag zu Tag durchschlagen, sind leider keine Seltenheit.

Der Vater der drei Kinder, Peter Lenarts, ist einige Jahre zuvor von einem Rittmeister namens Walraff erschossen worden. Ob dies im Streit geschah, eine militärische Bestrafung darstellte, oder schlicht sinnlose Grausamkeit war, ist nicht überliefert. Die Mutter lebt inzwischen bei einem anderen Mann in Diedenhofen. Ihre Kinder wollte dieser anscheinend nicht aufnehmen. Entgen Lenarts ist als ältestes Kind nun für ihre beiden Geschwister verantwortlich.

Dies ist eine schwere Bürde für das Mädchen, das einfach nur seine Mutter sehen will. Entgen flüchtet sich in eine Fantasiewelt, in der ihre Mutter sie nicht verlassen hat, sondern sie immer noch besuchen kommt. Wie dies möglich sei, fragen andere Kinder, denen sie dies erzählt. Nun, antwortet Entgen, ihre Mutter würde sie in Gestalt einer Katze aufsuchen. Wie sich die Mutter in eine Katze verwandeln kann? Die Antwort, die Entgen Lenarts darauf gibt, wird ihr zum Verhängnis: Ihre Mutter sei eine mächtige Hexe. Auch ihrer Tochter habe sie die magischen Künste gelehrt.

Das „Hexenkind“ wird schließlich festgenommen

Entgen Lenarts findet sich daraufhin schnell in einer ausweglosen Lage wieder. Ihre Fantasien sprechen sich herum und bald wird sie zu einer offiziellen Vernehmung abgeholt. Hexen werden im 17. Jahrhundert in Köln mit großem Eifer verfolgt. Die Hochphase, in der unter Erzbischof Ferdinand von Bayern, von 1627 bis 1630 mehrere Dutzend Menschen als Hexen hingerichtet wurden, ist bereits vorbei. Doch vereinzelt brennt immer wieder ein Scheiterhaufen.

Anstatt bei der Vernehmung die Wahrheit zu erzählen, bleibt das Mädchen bei seinen Geschichten und schmückt diese sogar noch aus. Wahrscheinlich wird sie dabei auch von den Suggestivfragen der Beamten angestachelt. Etwa dreißig Mal sei sie mit ihrer Mutter zum Hexentanz geflogen. Zwei Frauen aus Köln haben ihr in einem Wald bei Düsseldorf den Teufel vorgestellt, für den sie eine Tafel gedeckt habe. Als ihr eine Schüssel runtergefallen sei, habe der Teufel das Hexenkind verprügelt.

Auch im Kerker wird das Hexenkind angeblich vom Teufel besucht
Auch im Kerker wird das Hexenkind angeblich vom Teufel besucht / Fotografie von aitoff, Pixabay

Ferner habe der Teufel sie gezwungen, mit ihrem eigenen Blut einen Vertrag über ihre Seele zu unterzeichnen. Sie habe damit Gott und allen Heiligen abgeschworen und werde seitdem täglich vom Teufel besucht. Auch im Kerker soll er sie in Gestalt eines Jünglings besuchen, der in rote Gewänder gehüllt ist. Er steckt dem Mädchen angeblich Geld zu, doch wenn er wieder gegangen ist, findet Entgen in ihren Taschen nur Mist und Dreck.

Das Mädchen ahnt vermutlich nicht, dass es mit diesen Geschichten sein Todesurteil unterschreibt. Als sie erzählt, dass sie ihrem Bruder mit einer Salbe ein Fieber angehext habe, kommen die Vernehmungsbeamten zu dem Schluss, dass Entgen Lenarts eine Gefahr für andere Menschen und, noch schlimmer, deren Seelenheil sei. Erzbischof Maximilian von Bayern empfiehlt das Todesurteil und drängt auf eine rasche Vollstreckung.

Der letzte Hexenprozess in Köln

Doch die Schöffen sind sich unsicher. Eigentlich verbietet das damalige Recht die Hinrichtung von Kindern, vor allem von jungfräulichen Mädchen. Außerdem hat die Angst vor Hexen in den letzten Jahren eher wieder abgenommen. Dienten sie während der Konfessionskriege als Sündenböcke, geht ihre Verfolgung seit dem Westfälischen Frieden wieder zurück. Ein Mädchen als Hexe hinzurichten, erscheint sinnlos und grausam. Zwei Jahre bleibt Entgen Lenarts in Haft, während über das Verfahren diskutiert wird.

Doch der Erzbischof bleibt bei seiner Empfehlung. Der letzte Hexenprozess in Köln findet am 18. Februar 1655 statt. Dessen Regeln orientieren sich nicht am üblichen Recht. Auch Kinder können zum Tode verurteilt werden. Auch Entgen Lenarts widerfährt dieses Schicksal. Am Tag des Prozesses wird sie direkt nach Verkündung des Urteils zum Melaten-Friedhof geführt. Dort enthauptet sie der Scharfrichter und verbrennt die Leiche auf einem Scheiterhaufen.

Somit endet der letzte Hexenprozess in Köln. Zwar gab es auch später noch Anschuldigungen und manchen Mord, aber keine Anklagen mehr. Der Tod des Mädchens erschüttert die Zeitgenossen. Sie ist zwar nicht das einzige Kind, das wegen Hexerei hingerichtet wird, bleibt aber das letzte „Hexenkind“. „Deus miseriatur animae puellae istius“ – „Gott erbarme sich der Seele dieses Mädchens“, ist der letzte Satz im Protokoll.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Engel“, Fotografie von GregMontani, Pixabay / „Kerker“, Fotografie von aitoff, Pixabay

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