Die Schwarze Katze von Zwieselstein

Die Schwarze Katze von Zwieselstein

Außerhalb der Gruselstube ist die Sonne schon längst untergegangen. Irgendetwas huscht an deinen Füßen entlang und verschwindet in den Schatten. Neben dir findest du einen dünnen Zettel. Darauf ist eine alte Sage niedergeschrieben. Die schwarze Katze von Zwieselstein? Du schmunzelst, doch dann siehst du finster funkelnde Katzenaugen vor dir in der Dunkelheit.

Zwieselstein ist ein kleiner Ort in Tirol, ein Stück südlich von Sölden gelegen. In einer Zeit, in der noch keine Autos dort über die Landstraße fuhren, musste man zu Fuß gehen, wenn man in den nächstgrößeren Ort Längenfeld wollte. Einmal wurde ein Einwohner von Zwieselstein krank. Also ging einer seiner Nachbarn zu Fuß los, um Medizin zu besorgen.

Nachdem er seine Angelegenheiten in Längenfeld erledigt hatte, machte sich der Zwieselsteiner auf den Rückweg. Als er wieder durch Sölden kam, war es bereits dunkel geworden. Doch der Mann war frohen Mutes, denn länger als eine Stunde würde er für den Weg hinauf in die Berge nicht brauchen. Da sah er auf einmal die schwarze Katze. Sie saß auf einem Zaunpfahl nahe des Gemeindehauses und funkelte ihn finster an.

Der Mann aus Zwieselstein fühlte sich bedroht von der Katze, ja sogar provoziert. Nach dem langen Marsch war er erschöpft und die offene Feindseligkeit, mit der das Tier ihn anstarrte, reizte ihn aus einem Grund, den er selbst nicht ganz verstand. Die Katze schien ihm gegenüber nicht nur feindselig zu sein, sondern auch fremdartig, irgendwie fehl am Platze in dieser Welt.

Die schwarze Katze mit den funkelnden Augen

„Du hast hier nichts zu suchen“, knurrte der Mann und schlug instinktiv nach der Katze. Er traf sie mit voller Wucht, sodass sie vom Zaun wirbelte und stumm in die Dunkelheit verschwand. Der Zwieselsteiner brummte zufrieden und ging weiter. Kaum hatte er Sölden verlassen, hörte er hinter sich ein Fauchen. Er drehte sich um und erblickte die Katze, die sich wie ein Geist aus der Dunkelheit schälte.

Von da an marschierte der Mann noch schneller durch das Bergland. Doch die Katze wurde er nicht los. Sie verfolgte ihn weiterhin hartnäckig, fauchte ihn an und verschwand in der Dunkelheit, wenn er nach ihr trat. Schließlich, etwa auf der Hälfte des Weges, passierte der Zwieselsteiner einige Häuser. Kurz überlegte er, dort um Hilfe zu bitten. Doch kaum hatte er die erste Haustür erreicht, hörte er nichts mehr. Die schwarze Katze war verschwunden.

Erleichtert setze der Mann seinen Weg fort nach Zwieselstein. Die Katze muss wohl zu einem der Häuser gehört haben, dachte er sich. Als er jedoch eine moosige Wiese erreichte, hörte er sie wieder hinter sich. Als er sich umdrehte, sah er sie. Mit sanften Schritten tapste sie über das Moos und starrte ihn wütend aus feurig funkelnden Augen an. Sie wirkte entschlossen und, da war sich der Mann sicher, erbarmungslos wie ein Raubtier.

Die schwarze Katze wurde immer forscher, wagte sich näher an den Mann heran, schnappte nach ihm. Schließlich rannte er los, die Lichter seiner Heimat bereits im Blick. Zunächst sah es danach aus, dass er die Katze abhängen könnte. Doch dann erreichte er einen kleinen Bach nahe der ersten Häuser von Zwieselstein. Hastig rannte er zum Ufer und wollte das Wasser mit einem weiten Sprung überqueren.

Kurz vor dem Ziel ereilt ihn sein Schicksal

Doch dann trat er auf einen nassen Stein am Wasser und rutschte weg. Er stürzte in den kalten Bach und schlug sich die Ellbogen auf. Knurrend erhob er sich, doch die schwarze Katze war bereits bei ihm. Erst biss sie ihm in die Ferse, die unbedeckt war, nachdem beim Sturz seine Hose hochgerutscht war. Der Zwieselsteiner schrie auf und schlug nach dem Tier, das ihm jedoch auswich. Da waren die funkelnden Katzenaugen direkt über ihm und sausten auf ihn herab. Die Krallen und Fänge der Katze schnitten tief in seinen blanken Hals und warmes Blut sickerte aus seiner Kehle.

Mit einem heiseren Schrei stieß er die schwarze Katze von sich weg. Abermals verschwand sie in der Dunkelheit. Doch dieses Mal kehrte sie nicht zurück, so als hätte sie bekommen, was sie wollte. Der Mann rannte los, triefend nass und stark blutend. Schließlich erreichte er die Häuser, deren wärmende Lichter. Froh begrüßten ihn die anderen Bewohner von Zwieselstein, brachte er doch die sehnlich erwartete Medizin.

Doch dann erkannten sie, wie übel zugerichtet er war. Einige starrten entsetzt in die Dunkelheit, auf der Suche nach dem Angreifer, andere trugen ihn in sein Haus. Dort starb er schließlich, zehn Tage nach dem Angriff. Blutleer, ausgezerrt und die schwarze Katze verfluchend.

Sie erzählt es die Sage von der schwarzen Karte von Zwieselstein. In manchen Versionen ändert sich der Ort, manchmal kommt der Mann auch noch mit dem Schrecken davon. Hat diese Geschichte einen wahren Kern? Auch Katzen können tollwütig werden. Ihre Bisse können Infektionen übertragen und tödlich enden. Wollte sie sich bei dem Mann für den Stoß rächen? Oder war es ein böser Geist, der Besitz von ihr ergriffen hatte? Die Antwort verschwand damals in der Dunkelheit der Berge.

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Bildnachweis:
Beitragsbild: „Schwarze Katze„, Fotografie von freestock-photos, Pixabay

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