Der Herzog und der Werwolf

Der Herzog und der Werwolf

Wie verwandelt sich eigentlich ein Werwolf? In der Gruselstube findest du Aufzeichnungen über Herzog Albrecht von Preußen, der es auf sich nahm, eine Nacht am Käfig eines Verfluchten auszuharren. Bezeugte er die Verwandlung des Werwolfs?

Um das Jahr 1550 befindet sich Albrecht von Preußen auf dem Höhepunkt seiner Macht. In seinen 60 Lebensjahren hat er bereits viel gesehen und erlebt. Bereits im Alter von 21 Jahren wird er zum Hochmeister des Deutschen Ordens gewählt. Der kirchliche Orden besitzt weite Landstriche in Nordosteuropa. Sein Kerngebiet liegt im heutigen Polen, die Residenz des Hochmeisters befindet sich in Königsberg.

1525 tritt Albrecht zur Reformation über. Der aus der fränkischen Linie des Hauses Hohenzollern stammende Hochmeister wandelt den Ordensstaat in ein weltliches – und erbliches – Herzogtum um. Das Herzogtum Preußen entsteht und Albrecht ist der erste einer langen Linie von Herrschern.

Doch Albrecht bleibt auch ein Kirchenmann. Der gelehrte Herzog verfasst eigene Gebete sowie Kirchenlieder und beteiligt sich an theologischen Diskussionen. Es geht ihm auch darum, wie sich die Taten eines Menschen auf dessen Seelenheil auswirken. Martin Luther, der Initiator der Reformation, sieht Gottes Gnade als ausschlaggebend, weniger die Taten. Albrecht ist Hingegen der Ansicht, dass die Gerechtigkeit Gottes nur jenen zuteil wird, wenn sie im Sinne Jesus Christus handeln.

In diesem Zusammenhang ist eine Sage interessant, die Ludwig Bechstein in seinem Deutschen Sagenbuch von 1853 überliefert. Nach ihr wird es für Albrecht eines Tages von Bedeutung, einen Mann anhand seiner Taten zu beurteilen, auch wenn dieser anscheinend nicht ganz bei Sinnen ist. Denn in einem Frühsommer um das Jahr 1550 herum, bringt ihm ein Bauer einen offenbar Wahnsinnigen.

Der Herzog von Preußen muss urteilen: Verfluchter oder Hochstapler

Der Mann, der dort vor Albrecht in Ketten liegt, wird beschuldigt, ein Werwolf zu sein. Er habe Geflügel aus dem Stall eines Bauern gerissen, womöglich sogar ein Schaf ausgeweidet. Der Angeklagte gibt unumwunden zu, ein Werwolf zu sein. In den Nächten um das Johannisfest, also im späten Juni, sowie um Weihnachten herum, würde er sich verwandeln.

Er beschreibt, wie ihm unter Schmerzen innerhalb von Sekunden borstige Haare wachsen würden. Außerdem würde er spüren, wie seine Zähne schärfer werden. In diesen Momenten sei er völlig von Sinnen. Ein unerklärlicher Trieb würde ihn raus in der Nacht treiben und dazu bringen, Tiere zu reißen. So sei es auch den Enten und Gänsen des Bauern geschehen.

Herzog Albrecht von Preußen
Herzog Albrecht von Preußen / Gemälde von Lucas Cranach d.Ä., gemeinfrei

Der Herzog ist skeptisch. Versucht sich der Mann heraus zu reden? Ist er vielleicht ein gemeiner Wilderer, der auf diesem Wege seiner Strafe zu entgehen versucht? Doch die Bauern, die den Mann gefangen haben, sind bereits überzeugt. Ein unheiliger Werwolf muss unter ihnen wandeln. Albrecht von Preußen willigt schließlich ein, den vermeintlichen Werwolf einer Prüfung zu unterziehen.

Denn was bedeutet ist, wenn ein Mann tatsächlich nicht für seine Taten verantwortlich sein kann, weil er von Sinnen ist? Kann er trotzdem ein guter Christ sein? Der Gefangene wird in eine Zelle im Verlies unter der Residenz des Herzogs in Königsberg gesperrt. Dieser lässt es sich nicht nehmen, selbst der Verwandlung des Werwolfs beizuwohnen – sofern diese denn stattfindet.

Als die Sonne untergeht, wächst die Wachsamkeit des Herzogs und seiner Begleiter. Ihnen ist etwas mulmig dabei, den Landesherren einer solchen Gefahr auszusetzen. Was, wenn der Mann sich wirklich in einen Werwolf verwandelt, die Gitterstäbe zerbricht und über die Anwesenden herfällt? Nur noch das Licht von Fackeln und Kerzen erhellt schließlich das Verlies.

Kommt es im Kerker zur Verwandlung des Werwolfs?

Auch die anderen Gefangenen werden unruhig, johlen und imitieren das Geheul eines Werwolfs. Der Mann in der Zelle wird immer nervöser, fängt an zu schwitzen. Mit glänzenden Augen starrt er durch die Gitterstäbe. Albrecht blickt neugierig zurück, wartet auf die Transformation.

Schließlich scheint Mondlicht durch ein schmales Fenster in die Tiefe des Kerkers, berührt die Haut des Gefangenen. Geifernd fängt er an zu jaulen. Wild springt er auf und ab. Die Anspannung unter den beobachtenden Männern erreicht den Höhepunkt.

Doch nichts weiter geschieht. Der Mann in der Zelle ist bald völlig außer Atem, ist erschöpft vom Springen und Schreien. Ein Werwolf scheint er jedoch nicht zu sein. Eher ein einfacher Wilderer, der seine Beobachter schließlich verzweifelt anstarrt. Sein Plan, als verfluchter Werwolf von seinen Taten freigesprochen zu werden, geht nicht auf.

Dieser Mann, so befindet Albrecht von Preußen, ist für seine Taten selbst verantwortlich. Ein guter Christ sei er nicht, sondern ein Dieb und ein Lügner obendrein. Er sei nun auf die Gnade Gottes angewiesen, könne sich dieser aber nicht sicher sein, hält der Landesherr fest. Wie er den Wilderer, den vermeintlichen Werwolf verurteilt, ist nicht überliefert.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Vollmond“ von Bergadder, Pixabay / „Herzog Albrecht von Preußen“, Gemälde von Lucas Cranach d.Ä., gemeinfrei

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