Der Hexenflug

Der Hexenflug

Über das Dach der Gruselstube hinweg weht ein starker Wind. Ist darin leises Gelächter zu hören? Du blickst wieder auf das Pergament vor dir. Im Kerzenlicht liest du das eng beschriebene Blatt. Es handelt sich um eine Abhandlung zum Hexenflug.

Regino von Prüm schüttelt ernüchtert den Kopf, als er durch seine Papiere guckt. Im Jahr 905 sitzt der ehemalige Abt des Klosters Prüm in einem Arbeitszimmer in Trier. Seine neue Aufgabe ist die Verfassung einer Rechtsschrift, die sich mit einem leidigen und zudem kontroversen Thema befasst. Im Canon Episcopi, dem Maßstab der Bischöfe, soll er sich mit jenen Frauen beschäftigen, die angeblich der Göttin Diana huldigen und mit ihr durch die Nächte fliegen sollen.

Das Wort „Hexe“ ist zu Reginos Zeiten noch nicht im Gebrauch. Die Frauen werden schlicht als Ketzerinnen bezeichnet und damit einer äußerst vielfältigen Gruppe von Menschen zugeordnet, deren Lebensweise entgegen der Lehren der Kirche steht. Diese Frauen, so Regino, hätten sich vom christlichen Gott abgewandt und der römischen Göttin Diana unterworfen. Die alte Göttin des Mondes und der Jagd würde ihre Dienerinnen nachts zu sich in ihre fliegende Schar rufen.

In Reginos Augen sind diese Frauen, ohne Frage, Frevlerinnen. Doch sind sie auch unheilige Gegenspielerinnen? Dienerinnen Dianas, die gegen die Kirche agieren? Dies kann der Kirchenmann nicht feststellen. Zwar seien ihnen vom Satan irrige Wahnvorstellungen in den Geist geflüstert worden, doch gefährlich sind sie nicht. Einen Hexenflug habe in der Realität noch nie jemand bezeugen können, also sei es eine ernst zu nehmende, aber letztlich harmlose Spinnerei.

500 Jahre später wird der Hexenflug anders bewertet

Doch die Jahrhunderte vergehen und der Canon Episcopi gerät in Vergessenheit. Zwar gibt es auch um 1430 noch Kirchenmänner wie Johannes Nider, der ebenfalls den Hexenflug anzweifelt. Doch 1486 erscheint der Malleus Maleficarum, der Hexenhammer von Heinrich Kramer. Das Werk stellt den Hexenkult als Tatsache dar. Nicht nur der Satan ist in ihm real, sondern auch die bösartige Macht der Hexen. Wurden ihre Kräfte zuvor noch als Aberglauben abgetan, wächst nun die Furcht vor tatsächlich wirkenden Schadenszauber, blutigen Hexensabbaten und nicht zuletzt dem Hexenflug, mit dem sich die vermeintlich niederträchtigen Frauen in der Nacht quer durchs Land bewegen können.

Heinrich Kramer beschreibt im Hexenhammer, wie die Hexen eine Flugsalbe herstellen, mit denen sie zum Beispiel Besen einreiben, um auf diesen zu fliegen. Als Zutat nennt er unter anderem das Blut von Kindern. Diese und andere Anschuldigungen Kramers werden bald als wahr erachtet und Jahrzehnte blutiger Hexenverfolgung beginnen. Völlig unschuldige Frauen, Männer und sogar Kinder fallen ihr zum Opfer. Manchmal sind es Intrigen der Obrigkeit, die Leben fordern, oft aber Lynchmobs, die unangepasste Frauen aus ihrer Mitte entfernen wollen. Tausende sterben, bevor sich wieder mäßigende Ansichten durchsetzen.

In der Tradition Reginos von Prüm wirken jedoch auch während der Hexenverfolgung Gelehrte, die im Hexenkult zwar einen frevelhaften, aber eher wahnhaften Aberglauben sehen. Geschichten von fliegenden Geistern, die Vampiren gleich das Blut der Unschuldigen und vor allem Kindern saugen, gibt es bereits seit der Antike. Einen stichhaltigen Beweis dafür vermag jedoch niemand zu liefern.

Ist die Hexensalbe nicht viel eher ein Rauschmittel, mit dem sich kundige Frauen in einen Rausch versetzen, in dem sie zu fliegen glauben? Dies wäre ein harmloses Vergnügen, auch wenn die Aussage, einer heidnischen Göttin zu folgen, Unruhe in christlichen Gemeinden stiften mag. Folter und Hinrichtung rechtfertigt dies jedoch nicht. So auch in der Einschätzung von Regino von Prüm, der als Strafe für einen „Hexenflug“ in seinem Canon Episcopi lediglich einen Kirchenbann von einem Jahr Dauer vor. Immer noch zu viel für Fantasien, aber weniger brutal.

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Bildnachweis:
Beitragsbild: „Besen“, Fotografie von Stocksnap, Pixabay

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