Die Geisterkirche

Die Geisterkirche

Wachs sickert von einer Kerze auf ein Blatt Papier, das neben ihr auf einem Schreibtisch in der Gruselstube liegt. Zäh löst es sich aus der klebrigen Masse, als du es aufhebst. Neugierig beginnst du zu lesen. Es ist eine alte Sage. Es ist die Geschichte der Geisterkirche von Paderborn.

Dunkel ist es noch, als die fromme Frau am frühen Morgen aufsteht, um zur morgendlichen Messe in der St.-Laurentius-Kirche bei Paderborn zu gehen. Keine Messe, keine Andacht lässt die gläubige Christin aus. Um gegen die morgendliche Kühle geschützt zu sein, bindet sie sich ein dickes Halstuch aus grobem Stoff um. Schließlich geht sie los, ohne zu ahnen welchen Schrecken sie bald durchleben wird.

Die St.-Laurentius-Kirche liegt damals, im Jahr 1516, noch vor den Toren der Stadt. Um zur Messe zu gehen, muss die Frau also das Stadttor passieren, das zu ihrer Überraschung völlig unbewacht scheint und dennoch weit geöffnet ist. Kurz zweifelt sie daran, ob sie zur rechten Uhrzeit aufgestanden ist. Da hört sie in der Nähe das Grunzen von erwachenden Schweinen. Ein untrügerisches Zeichen, dass bald der Morgen dämmern muss.

Schließlich erreicht die Frau die Kirche, die allerdings nur von spärlichem Zwielicht erhellt wird. Wären da nicht der Priester am Altar und die anderen Gläubigen, die sich über die Sitzbänke verteilen, sie würde einen Irrtum annehmen. Doch der Priester ist ihr unbekannt, sieht im Halbdunkel fremd und zerlumpt aus. Zögernd setzt sich die Frau zu den anderen Kirchgängern. Auch diese scheinen ihr größtenteils unbekannt, einige jedoch seltsam vertraut.  

Der Kirchgang endet im Schrecken

Schaudernd begreift die Frau, woher sie einige der Gestalten kennt. Denn neben sich, erkennt sie eine kürzlich verstorbene Tante wieder. „Meine liebe Nichte“, raunt diese erstaunt. „Behüte uns der allmächtige Gott! Wo kommt ihr denn her? Ich bitte euch, um Gottes und seiner lieben Mutter willen, verlasst diesen Ort. Wenn der Priester durch unsere Reihen wandert und den Segen spricht, dann lauft davon, so schnell ihr könnt und seht euch nicht um. Es kostet euch sonst euer Leben!“

Der Frau dämmert, dass sie von den Geistern der Verstorbenen umgeben ist, die auf dem Kirchhof bestattet sind. Vor Furcht ist sie wie gelähmt und wagt es kaum zu atmen. Als sich jedoch der Priester am Altar regt und sich ruckend in Richtung der Sitzbänke bewegt, schreckt sie hoch und rennt davon. Hastig versucht sie, aus der Geisterkirche zu entkommen.

Der gespenstische Priester bemerkt ihren Fluchtversuch. Mehr schwebend als laufend, ist er binnen weniger Herzschläge ganz nah bei der Frau, die sich jedoch mit einem beherzten Sprung durch das Kirchenportal ins Freie rettet. Ohne sich umzudrehen, rappelt sie sich auf und rennt weiter. Hinter ihr hört sie ein Poltern und Krachen, als würde die gesamte Kirche einstürzen.

Die Gäste der Geisterkirche greifen an

Doch die geisterhafte Schar folgt ihr nach draußen und holt sie schließlich auf dem Kirchhof ein. Inmitten der Grabsteine wird sie nun von allen Seiten bedrängt und gepackt. Sie wehrt sich gegen die geisterhaften Hände, von denen sich einige trotzdem um ihren Hals legen. Kurz wird ihr schwarz vor Augen, doch dann reißt sie sich los. Einzig Fetzen ihres dicken Halstuchs bleiben in den Klauen der Angreifer zurück.

Rennend erreicht sie das Tor ins Stadtinnere. Doch war es auf ihrem Hinweg noch geöffnet, findet sie es nun verschlossen vor. Ihr wird bewusst, dass es wirklich noch tief in der Nacht ist. Der Teufel selbst muss sie hinausgelockt, das Tor geöffnet und mit den Schweinelauten in Sicherheit gewiegt haben. Ihr stockt der Atem, denn nun sitzt sie in der Fall. Doch niemand aus der Geisterkirche ist ihr gefolgt.

Drei Stunden harrt sie zitternd vor dem Stadttor aus, bevor es geöffnet wird. Vorbei an den verdutzten Wächtern hastet sie sofort nach Hause, wo sie sich in ihr Bett verkriecht. Zwei ganze Tage bleibt sie stumm, was ihrer Familie große Sorgen bereitet. Schließlich findet sie jedoch ihre Stimme wieder und erzählt, von den Erlebnissen der schaurigen Nacht.

Kaum jemand glaubt ihr diese unheimliche Geschichte. Schließlich überzeugt sie die anderen, sie zum Kirchhof zu begleiten. Dort müssten doch Spuren der Ereignisse zu finden sein. Als die Frau die Geisterkirche wieder erblickt, lässt es sie schaudern. Doch die St.-Laurentius-Kirche steht harmlos da, wie eh und je. Die Verwandten wollen bereits wieder gehen, da entdeckt die Frau einen Fetzen Stoff auf einem nahen Grab liegen. Es ist, so stellt sie schockiert fest, ein Stück ihres Halstuchs, das ihr von den Geistern auseinandergerissen wurde. Und so, als hätte jeder Geister ein Stück der Frau haben wollen, als hätten sie ihr einen Teil ihres Lebens rauben wollen, findet sich auf jedem Grab ein Fetzen des Halstuchs.

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Bildnachweis:
Beitragsbild: „Besen„, Fotografie von analogicus, Pixabay

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