William Brodie – Dr. Jekyll oder Mr. Hyde?

William Brodie – Dr. Jekyll oder Mr. Hyde?

Hat schon einmal jemand versucht, in die Gruselstube einzubrechen? Diese Frage stellst du dir, als du in einer alten Ausgabe von Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson blätterst. Denn im Nachwort wird ein Mann genannt, der die Inspiration für die Geschichte gewesen sein soll. William Brodie, ehrbarer Zimmermann am Tag, brutaler Räuber bei Nacht.

Es ist eine Nacht im Jahr 1886 in Bournemouth an der südenglischen Küste. Hier lebt der Schriftsteller Robert Louis Stevenson, der wenige Jahre zuvor mit seinem Roman Die Schatzinsel berühmt geworden ist. Doch in dem Autor schlummern auch gruselige Geschichten wie Die Leichenräuber, wie er bereits bewiesen hat.

Sein Schlaf in dieser Nacht ist unruhig. Stevenson zuckt, schreit immer wieder verängstigt auf, wie sich seine Ehefrau Fanny Jahre später in der Biografie ihres Ehegatten erinnert. Von dem Lärm geweckt, schüttelt sie den Schriftsteller wach. „Warum weckst du mich auf?“, fragt er verärgert. „Ich träumte gerade eine feine Gruselgeschichte.“ Es ist Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Robert Louis Stevenson (1885)
Robert Louis Stevenson (1885) / Fotografie von Lloyd Osbourne, gemeinfrei

In dieser klassischen Horrorgeschichte geht es um einen angesehenen Wissenschaftler namens Dr. Jekyll. Nach einem fehlgeschlagenen Experiment verwandelt er sich immer wieder in den jähzornigen Mr. Hyde und verliert zunehmend die Kontrolle über sein Leben. Ein geachteter Bürger, der eine Art Doppelleben führt? Dieses Thema ist Robert Louis Stevenson nicht unbekannt. Denn einige Jahre zuvor hat er mit seinem Kollegen William Ernest Henley bereits ein Theaterstück verfasst, dass einen solchen Mann als Hauptfigur hat. Deacon Brodie von 1880 inszeniert das Leben von William Brodie, einen berüchtigten Verbrecher aus dem 18. Jahrhundert.

William Brodie – Der Mann mit den zwei Gesichtern

Im Jahr 1768 ist William Brodie ein angesehener Geschäftsmann im schottischen Edinburgh. Der Zimmermann gehört zur Spitze der örtlichen Handwerkerinnung und sitzt im Stadtrat. Eigentlich beste Voraussetzungen, um in Anerkennung und Wohlstand zu leben. Doch Brodie reicht dies nicht. Denn der Zimmermann hat auch noch eine andere, düstere Seite.

William Brodie ist spielsüchtig. In der Nacht verzockt er das, was er sich tagsüber mühsam erarbeitet hat. Nicht nur das Glücksspiel frisst sein Geld, sondern auch zwei Geliebte, die voneinander nichts wissen. Mit ihnen hat Brodie insgesamt fünf uneheliche Kinder, finanziert deren Unterhalt und erkauft sich dadurch auch das Schweigen der Frauen. Sollten sie reden, die unehelichen Affären offenbaren, wäre Brodies Ruf ruiniert.

Irgendwann weiß der Zimmermann nicht mehr weiter. Er steht kurz vor der Pleite und sollte dies bekannt werden, könnte sein ganzes Lügengebilde aufliegen. Da nutzt William Brodie eine Gelegenheit, die sich ihm bei der Arbeit bietet. Für eine Bank fertigt er neue Schränke an. Dazu hält er sich oft und lange in dem Gebäude auf und erfährt so, wo das Geld lagert und wie es gesichert ist. In Brodie reift ein Plan.

Als sich die Gelegenheit während seiner Arbeit bietet, entwendet William Brodie für einen kurzen Moment den Schlüssel zum Tresor der Bank. Er drückt den Schlüssel in eine kleine Schachtel mit Wachs, um aus dem Abdruck eine Kopie herzustellen. Denn als Zimmermann kennt sich Brodie auch mit Schlüsseln aus, ist es doch seine Aufgabe, die Schlösser an die neuen Schränke anzubringen.

In der nächsten Nacht kehrt Brodie mit seiner Schlüsselkopie zurück – und hat mit seinem Plan Erfolg. 800 Pfund Sterling kann er erbeuten. Eine große Menge Geld für die damalige Zeit, aber nicht genug, um all seine Schulden zu tilgen. Außerdem findet Brodie Gefallen an dieser Art des Geldverdienens.

20 Jahre führt William Brodie sein Doppelleben

Sein Einbruch in der Bank, ist nur der erste Coup von vielen. Immer wieder bricht William Brodie bei seinen Kunden ein. Er späht während der Arbeit die Anwesen wohlhabender Kaufleute ein und erleichtert sie um ihr Vermögen. Bei Zusammenkünften des Stadtrats hört er sich schließlich ihre Klagen an, wohl wissend, wer das Geld genommen hat.

Durch seine kriminelle Karriere sichert sich William Brodie seinen Wohlstand. Verdacht schöpft jedoch niemand. Zu abwegig erscheint der Gedanke, ein derart etabliertes Mitglied der Gesellschaft könnte solche skrupellosen Verbrechen begehen. Erst im Jahr 1788 wird William Brodie enttarnt.

William Brodie - Eigentlich ein angesehener Zimmermann
William Brodie – Eigentlich ein angesehener Zimmermann / Illustration von William Creech, gemeinfrei

Irgendwann genügt Brodie das Geld aus den Einbrüchen nicht mehr. Seine unehelichen Kinder werden älter, brauchen mehr Unterhalt und die Mütter fordern Schulgeld. Und auch deren Schweigen wird immer teurer zu erkaufen. Also plant Brodie einen richtig großen Einbruch, ohne zu wissen, dass es seine letzte Straftat sein wird. Er will das hiesige Akzisenamt, in dem Steuergelder und Zolleinnahmen verwahrt werden, ausrauben.

Doch allein die schiere Menge der zu erwartenden Beute stellt Brodie vor ein Problem. So viele Münzen kann er allein nicht tragen. Also heuert er eine Bande von Dieben an: Der Räuber John Brown ist ein Berufskrimineller und gerade auf der Flucht. George Smith ist Grobschmied und hat ebenfalls einige Erfahrung als Schlösserknacker. Andrew Ainslie hingegen ist ein einfacher Schuster, den die finanzielle Not auf die schiefe Bahn gebracht hat. Diese drei Männer sollen Brodie beim Einbruch in das Akzisenamt unterstützen.

Ein Verrat beendet William Brodies Doppelleben

Es ist John Brown, der die ganze Sache auffliegen lässt. Denn der flüchtige Kriminelle hatte niemals vor, mit den anderen irgendwo einzubrechen. In der Hoffnung auf Straffreiheit verrät er nämlich seine Komplizen an die Behörden. Die Amnestie wird ihm gewährt, als er Smith und Ainslie benennt. Die Beteiligung Brodies verschweigt er hingegen.

Smith und Ainslie werden festgenommen und in den Kerker von Edinburgh gesperrt. Noch bleibt Brodie verschont. Doch bereits, als er seine Komplizen im Gefängnis besuchen will, werden die Wachen misstrauisch. Was interessiert sich der Stadtrat für die beiden Halunken?

Vorsichtshalber verlässt William Brodie das Land. Völlig zurecht fürchtet er, dass Smith oder Ainslie singen werden. Denn der bisher unbescholtene Schuster packt aus, um seine Strafe zu verhindern. Die Behörden sind trotz Brodies Stand von der Wahrheit der Aussage überzeugt und lassen sofort nach dem Zimmermann fahnden. Sie bringen in Erfahrung, dass er ein Schiff nach Amsterdam genommen hat und senden Nachricht in die Niederlande. Wenige Tage nach seiner Ankunft wird Brodie bereits dort festgesetzt und nach Schottland zurücküberführt. Eine bereits von ihm gebuchte Passage in die Vereinigten Staaten von Amerika bleibt ungenutzt.

William Brodie will sich vor dem Galgen retten

In Edinburgh wird Brodie der Prozess gemacht. Die Aussagen von Brown und Ainlie, die Schlüsselkopien in Brodies Haus überzeugen das Gericht von dessen Schuld. Das Urteil fällt hart aus. Der Zimmermann und ehemalige Stadtrat soll gemeinsam mit Smith am Galgen baumeln.

Am 1. Oktober 1788 wird die Hinrichtung vor 40.000 Zuschauern vollzogen. William Brodie will dies nicht hinnehmen und besticht sogar noch den Henker, dass dieser den Galgen manipuliert. Es ist vergebens. Zwar steckt dieser gerne das Geld ein, kommt Brodies letzten Wunsch aber nicht nach. Der ehemals angesehene Stadtrat stirbt durch den Strick und wird in einem unmarkierten Grab beigesetzt. Die Legende sagt, dass das Galgengestell einige Jahre zuvor selbst von Brodie gezimmert wurde.

Eine weitere seiner Hinterlassenschaften findet sich im Hause Stevenson. Der Vater von Robert Louis Stevenson besitzt einen Schrank aus William Brodies Herstellung und erzählt seinem Sohn die Geschichte vom Zimmermann mit den zwei Gesichtern. Jahre später wird der Schriftsteller dieses Motiv aufgreifen und in Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde verarbeiten. Es bleibt die Frage, was erschreckender ist: Dass Dr. Jekyll das Böse in sich durch ein fehlgeschlagenes Experiment nicht mehr kontrollieren kann – oder dass William Brodie auch ganz ohne Hilfsmittel in der Nacht zum skrupellosen Räuber wurde.

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „William Brodie“, Illustration von William Creech, gemeinfrei  / „Robert Louis Stevenson“ Fotografie von Lloyd Osbourne, gemeinfrei / „William Brodie“, Illustration von William Creech, gemeinfrei

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