Der König in Gelb

Der König in Gelb

Du blickst auf die leise tickende Standuhr, die in einer Ecke der Gruselstube steht. Ist tatsächlich schon so viel Zeit vergangen? Dabei erinnerst du dich kaum daran, was du gerade gelesen hast. Geschichten über einen gewaltigen Herrscher, der in Carcosa thront, tauchen verschwommen in deinen Erinnerungen auf. Wer ist Der König in Gelb? Wieder senkst du deinen Kopf, wieder begibst du dich auf Spurensuche.

Bevor der König in Gelb geboren wurde, lag seine Heimat bereits in Ruinen. Die alte Stadt Carcosa wird erstmals von Ambrose Bierce beschrieben. 1886 veröffentlichte der Schriftsteller die Geschichte Ein Bewohner von Carcosa, im englischen Original An Inhabitant of Carcosa. Darin streift ein verlorener Wanderer durch die nächtliche Wildnis, auf der Suche nach seiner Heimatstadt. Als er sein Ziel erreicht, muss er jedoch feststellen, dass das einst blühende Carcosa in Ruinen liegt. Der Fund eines Grabsteins, der seinen Namen trägt, gibt ihm endgültig Gewissheit: Er ist bereits tot, nicht mehr als ein verwirrter und verlorener Geist in einer ihm nun fremden Welt.

Wie gelangte nun der König in Gelb auf den ewigen Thron dieser Stadt? Einige Jahre nachdem die Geschichte von Ambrose Bierce veröffentlicht wurde, sitzt mit Robert W. Chambers ein weiterer Schriftsteller an einer Geschichte, oder gar an mehreren. Der Autor findet Gefallen daran, eigentlich unzusammenhängende Erzählungen, durch die Andeutung eines gemeinsamen mythologischen Hintergrundes miteinander zu verbinden. Dazu erschafft er den König in Gelb, eine undurchsichtige Wesenheit, zu der ein mysteriöses Theaterstück existiert. Wer damit beginnt, den zweiten Akt zu lesen, wird unheilvolle Wahrheiten erfahren und darüber wahnsinnig werden. 

In Carcosa steht der Thron des ewigen Königs

Zu diesen Wahrheiten zählt, dass in Carcosa die Dynastie des Königs in Gelb entstand. Den Namen dieser Stadt jenseits von Zeit und Raum entlieh Robert W. Chambers der Geschichte von Ambrose Bierce. Außerdem erwähnt er Hastur, einen Ort oder eine Wesenheit, die mit Carcosa verbunden sei. Dabei handelt es sich um einen Begriff aus der Geschichte Haita der Schäfer, im Original Haita the Shepherd, die ebenfalls aus der Feder von Bierce stammt. In ihr geht es um den naiven Schäfer Haita, der in einer fremden Welt lebt und unter anderem den Hirtengott Hastur anbetet.

1895 erscheint Der König in Gelb, im Original The King in Yellow, eine Sammlung von zehn Kurzgeschichten von Robert W. Chambers. Die ersten vier sind durch Andeutungen über den König in Gelb, seine Macht, das gleichnamige fiktive Theaterstück, das obskure Gelbe Zeichen und die verborgene Stadt Carcosa miteinander verbunden. Ein schlüssiger Zusammenhang erschließt sich den Lesenden jedoch auch bei genauerer Lektüre nicht direkt. Es bleibt bei Andeutungen, aufgrund derer Vermutungen angestellt werden.

Vermutungen, die auch H. P. Lovecraft inspirieren, als er das Buch im Jahr 1927 zum ersten Mal liest. Zuvor hat der Schriftsteller mit Cthulhus Ruf, im Original The Call of Cthulhu und Die Farbe aus dem All, im Original The Colour out of Space, zwei seiner bekanntesten und wirksamsten Geschichten verfasst. Mit letzterer bewegt er sich vom Horror-Genre ein Stück weit Richtung Science Fiction, besser gesagt: verbindet diese Genres auf bisher ungekannte Weise. Mit der Novelle Der Flüsterer im Dunkeln, im Original The Whisperer in Darkness geht er diesen Weg weiter. Der Erzähler stößt in dieser Geschichte auf extraterrestrische Wesen und wird sich bei der Lektüre der Aufzeichnungen eines Freundes, all der Dinge bewusst, die im Verborgenen existieren und irgendwie miteinander verbunden sind. Neben den von Lovecraft geschaffenen Wesenheiten Cthulhu und Nyarlathotep, neben der von Lord Dunsany erdachten Stadt Bethmoora, tauchen dort auch Hastur und das Gelbe Zeichen auf.

Wie passen der König und Gelb und Cthulhu in ein Universum?

Es bleibt bei wenigen Erwähnungen im Werk von H. P. Lovecraft. Dennoch wird der König in Gelb heutzutage oft mit dem Autoren verbunden. Verantwortlich dafür ist August Derleth, ein Freund von Lovecraft und selbst Schriftsteller. Nach dem Tod von Lovecraft, widmet sich Derleth der Redaktion und Herausgabe des Werkes seines verstorbenen Freundes. Er ist es, durch dessen Wirken die einzelnen Geschichten Lovecrafts heutzutage als, zumindest lose, zusammenhängende Teile einer eigenen Mythologie sehen. Derleth steuert auch eigene Geschichten zu dem bei, was schließlich als Cthulhu-Mythos bekannt wird, benannt nach einer der bekanntesten von Lovecraft geschaffenen Wesenheiten. Durch seine eigenen Werke schafft er bisher fehlende Querverbindungen zwischen Lovecrafts Geschichten und schlägt schließlich auch eine eindeutigere Brücke zu Hastur.

Derleth macht aus Hastur in seinen Geschichten eine Gottheit des Cthulhu-Mythos, eine unfassbare Wesenheit, die für einfache Menschen kaum zu begreifen ist, bei Derleth bisweilen aber auch als unförmige Masse auftaucht. Und der König in Gelb? Viele Jahre später findet auch er seinen Weg in den Cthulhu-Mythos. Der Rollenspiel-Autor John Tynes ist nicht ganz zufrieden mit der Darstellung Hasturs in Derleths Geschichten. In seinen Augen wird die physische Gestalt von Hastur dessen Anfängen nicht mehr gerecht. Als undurchsichtiger Gott im Hintergrund bietet er einen deutlich besseren Aufhänger für Rollenspiel-Szenarien des System Call of Cthulhu. Sein Avatar, der in Carcosa thront, der Menschen in rauschhaften Wahnsinn treibt, wie es manchen Figuren in den Geschichten von Robert W. Chambers passiert, ist der König in Gelb.

Der König in Gelb wird sein eigener Mythos

Es bleiben nicht die einzigen Erwähnungen von Hastur und dem König in Gelb in der Popkultur. Stephen King lässt den jugendlichen Protagonisten in der Kurzgeschichte Gramma die Gottheit Hastur anrufen, in der Serie True Detective jagt die Polizei einen Mörder und Vergewaltiger, der sich selbst als König in Gelb und die weitläufige Ruine, die ihm als Unterschlupf dient, als Carcosa sieht. Der König in Gelb hat eine letzte Gestalt angenommen, die ihm schließlich gerecht wird. Sein Erscheinungsbild ist vielfach, doch immer gleich. Seine Heimstatt, das ewige Carcosa, fern, doch immer nah. Immer da, wo zerbrechliche Geister für sein Flüstern, dem Flattern seiner lumpigen Robe im Wind, empfänglich sind.

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Bildnachweis:
Beitragsbild: „Titelbild von ‚Der König in Gelb'“, Zeichnung von Robert W. Chambers, gemeinfrei, ergänzender Hintergrund von canva.com

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