Der seltsame Tod des Edgar Allan Poe

Der seltsame Tod des Edgar Allan Poe

Eine alte Öllampe erhellt flackernd die Gruselstube. Bald wird sie verlöschen. Aber noch spendet sie genug Licht, sodass du weiterhin von der Tragödie lesen kannst, die in dem Buch auf dem Tisch vor die niedergeschrieben ist. Nervös, mit wachsender Unruhe, liest du vom seltsamen Tod des Edgar Allan Poe.

Am 3. Oktober des Jahres 1849 findet sich Joseph W. Walker in einer unangenehmen Situation wieder. Er ist Drucker in der Stadt Baltimore im US-Bundesstaat Maryland. Am frühen Morgen findet er in der Nähe einer Taverne einen verwahrlosten Mann, der verwirrt in einem Rinnstein kauert. Orientierungslos und offenbar völlig betrunken sorgt dieser Mann für Aufsehen, wird von den meisten Passanten aber als scheinbarer Trunkenbold ignoriert. Walker nimmt sich des abgerissen gekleideten Mann schließlich an und fragt ihn nach dessen Befinden. Der Verwirrte kann sich kaum äußern, schafft es jedoch, Walker seinen Namen zu nennen: Edgar Allan Poe.

Poe, heute weltberühmt als Autor zahlreicher früher Horrorgeschichten und einflussreicher Dichter, ist damals zwar noch weit von dem Ruhm entfernt, den er nach seinem Tod erlangen sollte, aber hinlänglich als Schriftsteller bekannt. Sein Gedicht Der Rabe, erschienen im Jahr 1845, hat ihn zumindest in der Literaturszene der Ostküste bekannt werden lassen.  Doch seine letzten Lebensjahre sind für Poe vor allem auch von schweren Schicksalsschlägen geprägt. 1847 stirbt seine junge Ehefrau Virginia Clemm nach fünf Jahren schweren Leidens an den Folgen einer Tuberkulose-Erkrankung. Für Poe leider keine gänzlich neue Erfahrung, denn als er zwei Jahre alt war, starb auch seine Mutter an dieser damals noch weit verbreiteten Krankheit. 

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Die letzten Jahre eines berühmten Dichters 

Was führte Edgar Allan Poe nach Baltimore? 1849 lebt der Dichter in Richmond im Bundesstaat Virginia. Dorthin ist er gezogen, weil er nach dem Tod seiner Frau die Beziehung zu seiner alten Jugendliebe Sarah Royster wieder aufgenommen hat. Sie lebt in Richmond und Poe plant, sie auch dort zu heiraten. Vorab möchte er sich allerdings noch mit der Mutter seiner verstorbenen Frau treffen, die in Philadelphia wohnt. Er will ihren Segen zu seiner neuen Verbindung haben und sie außerdem zur Hochzeit einladen. Gleichzeitig möchte er auf der Reise seine Kontakte unter den Verlegern und Gönnern aufzufrischen, die auf dem Weg leben. Denn Poe möchte gerne ein eigenes Magazin veröffentlichen und ist dabei auf die Unterstützung wohlhabender Geldgeber angewiesen. Am 27. September 1849 verlässt Edgar Allan Poe Richmond. Zehn Tage später wird er sterben.  

Was Poe vor dem 3. Oktober getan hat, ist unbekannt. Erst dank Joseph Walker erfahren die Angehörigen des Dichters, von dessen Aufenthaltsort. Der Drucker hilft Poe ins Innere der Taverne, Gunner’s Hall. Dort fragt er ihn, ob er ihm irgendwie helfen könne. Poe erinnert sich in einem lichten Moment daran, dass er Bekannter in Baltimore hat. Er nennt Joseph Walker einen Dr. Joseph E. Snodgrass als Kontakt, woraufhin der Drucker sofort ein Schreiben an diesen Mann aufsetzt, das ihn noch am frühen Nachmittag erreicht. Snodgrass ist überrascht von dieser Nachricht und kontaktierte einen Onkel Poes, der ebenfalls in Baltimore lebte. 

Edgar Allan Poe – ein verwahrloster Trinker?

Die beiden Männer suchen Poe auf, der sich immer noch in Gunner’s Hall aufhält. Sein Zustand scheint sich weiter verschlechtert zu haben. Snodgrass und sein Begleiter sind sich in Anbetracht der Umstände sicher, dass Poe immer noch betrunken sein muss. Der Abend naht und die Taverne füllt sich bereits wieder mit den üblichen Trinkern. Offenbar habe Poe, nachdem Walker ihn verlassen hat, einfach weiter getrunken. Anders können sie sich das Verhalten des Dichters nicht erklären. Er ist verwirrt, kann kaum sprechen und scheint seine Besucher nicht zu erkennen. Einzig die Kleidung des Dichters lässt Snodgrass stutzig werden. Der ansonsten auf seine feine Garderobe bedachte Poe trägt zerlumpte Kleidungsstücke, die ihn zudem nicht ganz zu passen scheinen. 

Dennoch sind sich Snodgrass und Poes Onkel sicher, dass das Verhalten ihres Bekannten am Alkohol liegen muss. Da sein Verwandter sich weigert, den Dichter aufzunehmen und angesichts seines hilflosen Zustandes, wird Poe in das Washington College Hospital eingeliefert. Hier beginnen nun seiner letzten vier Tage. Der einzige Mensch, der noch einige Male sehen wird, ist der behandelnde Arzt Dr. John Joseph Moran. 

Moran berichtet, dass sich der Zustand von Poe in den folgenden vier Tagen immer weiter verschlechtert. Ab und zu ist Poe jedoch ansprechbar und bittet darum, seine Ehefrau in Richmond zu kontaktieren. Offenbar meint er seine Verlobte. Eine Bitte, der Moran jedoch nicht folgt. Vermutlich kann er dies auch nicht, da ihm der Name der Frau schlicht nicht bekannt ist. Jahre später versucht Dr. Moran, aus diesen letzten Tagen an der Seite von Edgar Allan Poe Profit zu schlagen. Er verkauft seine Berichte an die Presse, verwickelt sich aber immer häufiger in Widersprüche.

Der Tod von Edgar Allan Poe bleibt bis heute ungeklärt

Es ist also unklar, wie genau Edgar Allan Poe seine letzten Tage verbrachte und was für Symptome er zeigte. Kein Wunder also, dass einige Jahrzehnte später die Theorien um die Umstände seines Todes wild wuchern. Doch zunächst sind sich viele Zeitgenossen einig, woran der Dichter gestorben ist. Nach Poes Tod veröffentlicht sein literarischer Rivale Rufus Wilmot Griswold einen vernichtenden Nachruf. Poe sei ein Trinker gewesen, dazu abhängig von anderen Rauschmitteln. Wirr und umnachtet sei er bereits lange vor seinem Tod gewesen und sei ziellos durch die Straßen gewandert. Edgar Allan Poes Ruf, so scheint es zunächst, wird dadurch nachhaltig ruiniert.

Mit der Zeit mehreren sich jedoch Stimmen, die diese Umstände kritisch hinterfragen. So sei Poe eigentlich ein sehr zurückhaltender Trinker gewesen, äußern manche Bekannte. Kurz vor seinem Tod habe er sich gar für ein Alkoholverbot eingesetzt. Doch wer weiß, ob er auf der Reise nicht doch einem Trinkgelage beiwohnte. Aber erklärt dies auch die tagelange Erkrankung, die ihn ins Grab brachte? Ein moderner Mediziner äußert die Vermutung, Poe sei an Tollwut erkrankt. Doch dazu stimmen nicht alle Symptome überein. Und warum trug Edgar Allan Poe, als in Baltimore auftauchte, so ungewöhnliche Kleidung?

Eine weitere Theorie besagt, dass einige Schläger Poe überfallen und unter Drogen gesetzt haben sollen. Auf diesem Wege hätten sie ihn dazu verleitet, bei der Wahl des Sheriffs, die am 2. Oktober 1849 in Baltimore stattfand, die Stimme einem Kandidaten ihrer Wahl zu geben. Doch wozu sollten sie ihn danach in Lumpen stecken? Sicher trug der Schriftsteller gute Kleidung, aber rechtfertigte diese einen Diebstahl oder gar eine Vergiftung? Theorien gibt es viele, aber die Wahrheit wurde bisher nicht herausgefunden. Wahrscheinlich wird sie auch verborgen bleiben – und der Tod des Schriftstellers ein Mysterium bleiben.

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Bildnachweis
Beitragsbild: „Edgar Allan Poe“, Fotografie von Unbekannt, gemeinfrei 

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