Henry S. Whitehead – Die Schrecken des Voodoo

Henry S. Whitehead – Die Schrecken des Voodoo

Das oberste Fach eines alten Bücherregals in der Gruselstube weckt deine Aufmerksamkeit. Du greifst hinein und ziehst zufällig einen dünnen Band hinaus. Die ersten Seiten sind übersät mit Zeichnungen und Notizen. Christliche Kreuze entdeckst du – aber auch obskure Zeichnungen des karibischen Voodoo? Gespannt liest du weiter und stößt auf den Namen Henry S. Whitehead – Erzdiakon, Horrorautor und Freund von H. P. Lovecraft. 

Bernard A. Dwyer ist ein hingebungsvoller Leser von sogenannten Pulp Stories. Die gruseligen und fantastischen Geschichten faszinieren den Farmer aus dem Staat New York. Vor allem das Magazin Weird Tales gehört zu seiner Lieblingslektüre. In der Leserbrief-Rubrik The Eyrie erscheinen häufiger Zuschriften von ihm. Im Jahr 1928 wird gar das von ihm eingereichte Gedicht Ol‘ Black Sarah veröffentlicht. Auf diesem Wege kommt Bernard Dwyer mit einigen der Autoren von Weird Tales in Kontakt. Auch mit H. P. Lovecraft, dessen Geschichten über alte Kulte und unbegreifliche Wesenheiten sich in den den späten 1920ern zunehmender Beliebtheit erfreuen, pflegt Dwyer eine Brieffreundschaft.

1930 möchte Dwyer gerne Lovecrafts Meinung zu einigen unveröffentlichten Geschichten einholen. Er würde sie gerne Lovecraft zuschicken, schreibt er ihm. Dabei handelt es sich allerdings nicht um seine eigenen Werke, sondern um Erzählungen aus der Feder von Henry S. Whitehead. Dieser Name ist Lovecraft durchaus bekannt. Whitehead schreibt bereits seit 1924 für Weird Tales. Doch erst mit der Ausgabe aus dem Februar 1925 wird Lovecraft auf Whitehead aufmerksam. In dieser Ausgabe erscheint nicht nur Lovecrafts Geschichte The Statement of Randolph Carter, sondern auch Whiteheads Erzählung Sea Change. Diese Geschichte gefällt Lovecraft sehr. Von da an liest er jede Geschichte Whiteheads und ist jedes Mal durchaus angetan von den schaurigen Erzählungen.

Henry S. Whitehead – der Erzdiakon aus der Karibik

Henry St. Clair Whitehead ist damals Erzdiakon der Episkopalkirche auf den Jungferninseln in der Karibik. Im Jahr 1882 geboren, kann er auf ein bewegtes Leben im Dienste der Kirche zurückblicken. Auf den Jungferninseln kommt er mit dem synkretistischen Voodoo-Glauben der Einheimischen in Berührung. Erzählungen über gefährliche Geister, Schadenszauber und launische Götter inspirieren ihn zu mehreren Kurzgeschichten. Dieses Motiv ist damals noch unverbraucht und weckt schnell Interesse. Whitehead reicht einige Geschichten zur Veröffentlichung ein – und hat Erfolg. Das positive Feedback spornt ihn zu weiteren Werken an. In den Jahren 1923 bis 1929 veröffentlicht er 25 Kurzgeschichten, davon 16 in Weird Tales.

Auch Bernard Dwyer liest Whiteheads Geschichte gerne, schreibt dem Autoren mehrere Briefe und bekommt schließlich einige unveröffentlichte Manuskripte zugeschickt. Diese leitet er an Lovecraft weiter, der sich außerordentlich über diese Gelegenheit freut, um mit Whitehead in Kontakt zu treten. Lovecraft sendet die Geschichten mit lobenden Worten an Whitehead zurück. Dieser ist gerade dabei, von den Jungferninseln nach Dunedin in Florida zu ziehen. Dort wird er Rektor einer Gemeinde und Eigentümer eines Ferienlagers. Am Lagerfeuer erzählt er seine Geschichten und lässt die jungen Leute trotz der tropischen Temperaturen erschaudern.

Wahrscheinlich aufgrund dieser Änderung seiner Lebensumstände, erscheinen im Jahr 1930 nur zwei Geschichten von Henry S. Whitehead. Parallel entwickelt sich eine Brieffreundschaft mit H. P. Lovecraft. 1931 verfassen die beiden Schriftsteller gemeinsam die Geschichte The Trap, die im Magazin Strange Tales erscheint. Die Zeitschrift ist neu auf dem Markt und versteht sich als Konkurrent des Marktführers Weird Tales. Die Geschichten in Strange Tales sollen mehr Action als die des Mitbewerbers beinhalten. Die Herausgeber setzen zudem auf Fantasy und okkulten Horror. Ein Profil, in das Whiteheads gruselige Voodoo-Geschichten perfekt passen, das Werk von Lovecraft hingegen, das zunehmend auch Science-Fiction-Elemente beinhaltet, passt nur bedingt. The Trap erscheint deswegen nur unter Whiteheads Namen.

Rachsüchtige Geister und launische Götter

Ein zentrales Element in den Geschichten von Henry Whitehead sind die gefährlichen Geister verstorbener böser Menschen. Diese Jumbee werden von finsteren Magiern benutzt, um Unheil zu säen. Die Gespenster anderer Autoren versprühen eher subtilen Horror und wirken indirekt auf die physische Welt ein. Die Jumbee von Whitehead hingegen sind zerstörerische Schrecken, die im Schatten lauern und auf Beute warten. Die Namensähnlichkeit zum später populären Zombie, einer untoten, rein physischen Wesenheit, ist nicht von der Hand zu weisen. Außerdem lauern überall in der Natur launische Götter, die nach Opfern verlangen, aber auch mächtige Gegenleistungen versprechen und so zu grausamen Verbrechen verführen.

Solche Geschichten lassen die christlichen Jugendlichen in Ferienlager von Dunedin besorgt über ihre Schulter in das Unterholz zwischen den Palmen gucken. An einigen Abenden im Sommer 1931 lauschen sie aber auch einem anderen Autor. H. P. Lovecraft besucht seinen Freund Henry Whitehead für einige Wochen und unterhält die jungen Leute unter anderem mit Die Katzen von Ulthar. Nach diesem längeren persönlichen Treffen vermerkt Lovecraft erfreut über Whitehead: „Er hat nichts von einem verstaubten Kleriker an sich, sondern trägt legere Freizeitkleidung, flucht gelegentlich wie ein echter Mann und kann mit Heuchelei oder Prüderie nichts anfangen.

Ein jähes Ende und späte Ehre

Es bleibt jedoch bei diesem einen Besuch. Henry Whitehead ist gesundheitlich angeschlagen, leidet unter Verdauungsproblemen und den Folgen einer Tropenkrankheit. Im November 1932 stirbt er nach einem Sturz. Ob an einer Gehirnblutung oder einem Schlaganfall, kann abschließend nicht geklärt werden. Noch im Frühjahr 1933 erscheint je eine seiner Geschichten in Strange Tales und Weird Tales. Die Leser erfahren vom Tod des Autors erst im März 1933 durch einen Nachruf in Weird Tales, der von H. P. Lovecraft verfasst wurde. Auch dieser ist erschüttert von dem plötzlichen Verlust und ehrt seinen verstorbenen Freund aufrichtig.

1944 erscheint Jumbee and other uncanny Tales, eine Sammlung von Whiteheads Geschichten, im Verlag Arkham House. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Weird Fiction der 1920er und 1930er zu bewahren. Was zuvor nur in schnell abgenutzten Magazinen erschienen war, wird nun in Sammelbänden verlegt. Der junge Autor Robert Hayward Barlow findet in einer Einleitung lobende Worte für Henry S. Whitehead, der ihm nur noch aus den Erzählungen anderer bekannt ist.

Auch bei der Kritik stößt der Band auf Wohlwollen. Eudora Welty schreibt für die New York Times: „Edle, sachliche, eher väterliche Geschichten, aus denen uns aber ohne Umschweife schaurige Geister anspringen. Diese kleinen Geschichten haben Charme. Vielleicht ist es der Edelmut des Autors, der ihren erschreckenden Inhalt durchdringt und somit umso schärfer treffen lässt.“ Treffende Worte für einen Mann, der fest im Glauben lebte, aber auch in seinen Horrorgeschichten Erfüllung fand, ohne dabei moralisierend zu werden. Ein Widerspruch, der selten so gut aufgelöst wurde, wie in den Geschichten von Henry St. Clair Whitehead.

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Bildnachweis:
Beitragsbild: „Skulptur„, Fotografie von nitell, Pixabay

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