Georg Heym – Das Schiff

Georg Heym – Das Schiff

Salziger Duft erfüllt die Gruselstube, während du eine düstere Geschichte liest. Georg Heym, als Dichter bekannt, hat auch Prosa hinterlassen. Viele seiner Erzählungen sind unheimlich und beklemmend. Eine davon führt ans Ende der Welt, wo verängstigte Matrosen einem unsichtbaren Gegner ausgesetzt sind. Geist, Fluch oder Pest? Was plagt Das Schiff?

Im Juni 1911 befindet sich Georg Heym an einem Wendepunkt in seinem Leben. Er ist 23 Jahre alt und studiert Jura. Dabei ist er sogar ziemlich erfolgreich, doch ein erstes begonnenes Referendariat bricht er nach drei Monaten ab. Stattdessen sieht er die Möglichkeit, als Dichter Karriere zu machen. Denn kurz zuvor ist sein erster Gedicht-Band erschienen. Der ewige Tag stellt die Großstadt als unwirtlichen Ort dar, an dem Menschen zwar leben, aber nicht gedeihen können. Die Menschenfeindlichkeit, mit der Heym die Stadt beschreibt, lässt diese fast als eigene Person erscheinen, insbesondere in Der Gott der Stadt. Heym verleiht damit der städtischen Gesellschaft eine eigene Mythologie, lässt im urbanen Raum mystische Erlebnisse möglich werden, die sonst der Natur vorbehalten sind. Für die literarische Gattung des Expressionismus wird er zu einem ihrer wichtigsten Lyriker. 

Georg Heym
Georg Heym / Fotografie von Unbekannt, gemeinfrei

Doch Georg Heym schreibt auch Kurzgeschichten. Für einen Novellenband verfasst er sieben Stück. Eine davon ist Das Schiff, eine Geschichte über die Besatzung eines kleinen Schiffes, das vor Kap York im Nordosten Australiens unterwegs ist. Die Mannschaft setzt sich aus sieben Männern unterschiedlicher Herkunft zusammen, die miteinander freundschaftlich verbunden sind. Eines Tages gehen drei von ihnen an einer abgelegenen Stelle an Land. Nicht einmal Tiere halten sich dort auf. So einsam ist es dort, so völlig still, dass es die drei Männer stark beunruhigt. Schließlich machen sie einen grausigen Fund. Drei Leichen von Eingeborenen, übereinander gelegt und gezeichnet von roten und blauen Flecken, von Beulen, die aus ihrer Haut platzen. So schnell sie es können, rennen die Männer zurück zum Strand.

Welches Grauen plagt Das Schiff?

Georg Heym hat sich auch an anderen Stellen mit Expeditionen ins Unbekannte auseinandergesetzt. Die Südpolfahrer und Das Tagebuch Shakletons sind nur als Fragmente erhalten und behandeln arktische Gefilde. Hier ist ein leichter Einfluss Edgar Allan Poes zu erkennen, dessen Werk Heym durch die Übersetzungen Charles Baudelaires, den er sehr schätze, bekannt war. In seinem längsten Werk schickt Poe seinen Protagonisten Arthur Gordon Pym auf eine Reise in unerschlossene Fernen und letztlich zu einem unbegreifbaren Schrecken. 

Auch die Seefahrer aus Das Schiff werden bald von einem bizarren Grauen erfasst. So meint einer der drei Männer, nach dem Fund der Leichen eine Frau im schwarzen Gewand hinter einem Baum erblickt zu haben. Doch die drei Kundschafter bewahren Stillschweigen über den Fund der Leichen, als wüssten sie, dass sie etwas Verbotenes erblickt hätten. Aber es passieren bald schreckliche Dinge. In der folgenden Nacht kommt es zu den ersten Todesfällen und im weißgelben Licht des Mondes erblicken die Lebenden seltsame Zeichen auf ihrer Haut. Immer wieder scheint am Rande des Sichtbare eine Gestalt aufzutauchen. Ist es die Pest, ein Fluch oder eine uralte Wesenheit, welche die Fremden plagt? 

Stimmen, die versagen, Matrosen, die wahnsinnig werden und Herzen, die zu schlagen aufhören. Heym schildert den Todeskampf bedrückend und, trotz der fiebrig verzerrten Wahrnehmung der Seeleute, mit beklemmender Präzision. Die Geschichte findet schließlich ein vieldeutiges Ende, das an dieser Stelle nicht verraten sei. 

Georg Heym – ein zu frühes Ende

Die Veröffentlichung des Novellenbandes Der Dieb, in dem Das Schiff enthalten ist, erlebt Georg Heym nicht mehr. Im Januar 1912 ertrinken er und sein Freund Ernst Balcke, als sie beim Schlittschuhlaufen auf der zugefrorenen Havel einbrechen. Er, der so häufig vom Tod gedichtet hat, stirbt jung im Alter von 24 Jahren. Wenn Heym vom Tod schrieb, dann begann die Geschichte erst. Nie war der Tod ein Endpunkt, sondern nur der Beginn einer Reise, das Eintauchen in eine morbide Welt. So verhält es sich auch mit der Erzählung Das Schiff, in welcher der Tod die Protagonisten nach und nach beiseite drängt – und schließlich selbst das Steuer übernimmt. 

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Bildnachweise:
Beitragsbild: „Sonnenaufgang“ von nikolabelopitov, Pixabay / „Georg Heym“, Fotografie von Unbekannt, gemeinfrei

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