H. P. Lovecraft – Das Unnennbare

H. P. Lovecraft – Das Unnennbare

Was war das am Fenster? Ein erschütternder Schrecken kommt über dich, denn etwas schleicht um die Gruselstube. Etwas, das dich tief beunruhigt, aber nur schwer beschreiben kann. Das Unnennbare von H. P. Lovecraft kommt dir in den Sinn.

Die frühen 1920er gehören zu den produktivsten Jahren im Leben des Autoren H. P. Lovecraft. Er verfasst nicht nur mehrere Kurzgeschichten, sondern kann diese auch veröffentlichen. Eine finanziell erfolgreiche Karriere als Schriftsteller scheint nicht mehr nur vage Hoffnung, sondern eine zunehmend realistischere Perspektive.

In jenen Jahren legt Lovecraft den Grundstein für das, was später als Cthulhu-Mythos bekannt werden wird. Doch neben den Geschichten über fremdartige Wesenheiten, die über nicht zu erfassende Gestalten und Fähigkeiten verfügen, schreibt Lovecraft auch klassische Horrorgeschichten, in denen alte Magie und düstere Friedhöfe eine wichtige Rolle spielen. Eine Geschichte, die jene Zeit der Orientierung und Weiterentwicklung perfekt einfängt, ist Das Unnennbare[1]Original: „The Unnamable“, die Lovecraft im September 1923 schreibt.

Zwischen kosmischem Horror und schauriger Phantastik.

In dieser Geschichte berichtet der Erzähler, ein Schriftsteller namens Carter, über eine Diskussion, die er auf dem Friedhof der fiktiven Stadt Arkham mit seinem Freund Joel Manton führt. Dabei vertritt Carter den Standpunkt, dass es Dinge gibt, die so schrecklich, so unfassbar sind, dass menschliche Worte diese nicht beschreiben, nicht benennen können. Deswegen lässt er solche Beschreibungen in seinen Geschichten auch aus und überlässt sie der Fantasie des Lesers.

Manton hält dagegen, dass alles, was man sehen kann, doch auch eine Form besitzen müsse, die beschrieben werden könne. Sein Freund würde sich also wohl eher ein schriftstellerisches Unvermögen nicht eingestehen wollen.

Randolph Carter ist eine Figur, die in mehreren Geschichten von H. P. Lovecraft auftaucht. Seine erste Begegnung mit dem Übernatürlichen hat er ebenfalls auf einem Friedhof in „Die Aussage des Randolph Carter“[2]Original: „The Statement of Randolph Carter“, bevor er in „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“[3]Original: „The Dream-Quest of Unknown Kadath“ und weiteren Geschichten in die Traumlande aufbricht.

 

H. P. Lovecraft nutzt diese Szene erkennbar, um seine eigenen Standpunkte durch Carter auszudrücken. Dabei geht es nicht nur um sprachliche Ästhetik, sondern auch um seinen Hader mit fantasielosen Menschen, zu denen Manton offenbar zählt. Der Schauer des Unbekannten sei ihm fremd und nicht erstrebenswert.

Doch Carter möchte eine Regung aus Manton herauskitzeln. Der Schriftsteller fühlt sich durch die unheimliche Atmosphäre des abendlichen, zunehmend in Dunkelheit versinkenden, Friedhofs dazu herausgefordert.

Das Unnennbare bricht über die beiden Freunde hinein.

Carter erzählt Manton von einer seiner Kurzgeschichten, die den Namen Das Giebelfenster trägt. Was der Protagonist am Ende der Geschichte in eben jenem Fenster erblickt, sei eben genau so ein Etwas, das unbenennbar sei. Carter gibt an, dass er von dem alten Tagebuch eines seiner Vorfahren und auch durch andere Quellen zu dieser Geschichte inspiriert worden sei.

Darin wird von einem Wesen berichtet, dass auf dem Dachboden eines alten verlassenen Hauses aufwächst. In seiner vielgestaltigen Form, so Carter, sei es das Unnennbare. Wer doch einmal einen Blick auf dieses Wesen erhasche, würde dem Wahnsinn verfallen.

Im Laufe der Erzählung wird Manton dann doch unruhig. Denn Carter weiß auch zu sagen, wo sich jenes Haus befindet, auf das sich die alten Berichte, die ihn zu seiner Geschichte inspiriert haben, beziehen. Er war sogar darin. Ja, sie könnten es sogar direkt aufsuchen, erklärt Carter. Schließlich steht es direkt neben dem Friedhof. Kaum hat Carter dies gesagt, bricht ein Schrecken über die beiden Freunde hinein, für den sowohl der Phantast, als auch der Zweifler keine Worte finden. 

Neugierig auf die Geschichte geworden? Du findest sie in diesem Sammelband bei Amazon! [4]Affiliate-Link. Kaufst Du über einen Affiliate-Link etwas, wird der registrierte Partner am Umsatz beteiligt. Dadurch entstehen dir aber keine Mehrkosten!

Oder hör sie dir auf YouTube an: 'Das Unnennbare', gelesen von Gregor Schweitzer

Bildnachweis:
Beitragsbild:Dachfenster“ von anaterate, Pixabay

Fußnoten

1 Original: „The Unnamable“
2 Original: „The Statement of Randolph Carter“
3 Original: „The Dream-Quest of Unknown Kadath“
4 Affiliate-Link. Kaufst Du über einen Affiliate-Link etwas, wird der registrierte Partner am Umsatz beteiligt. Dadurch entstehen dir aber keine Mehrkosten!

Ein Gedanke zu „H. P. Lovecraft – Das Unnennbare

  1. Empfehlung Buch-Neuerscheinung: „Ausgesetzt zur Existenz“; Franz Sternbald

    „Ich glaube, die größte Barmherzigkeit besteht in der Unfähigkeit des menschlichen Verstandes, alles sinnvoll zueinander in Beziehung zu setzen. Wir leben auf einer friedvollen Insel der Ahnungslosigkeit inmitten schwarzer Meere der Unendlichkeit, und es war nicht vorgesehen, daß wir diese Gewässer weit befahren sollen. Doch eines Tages wird uns das Aneinanderfügen einzelner Erkenntnisse so erschreckende Perspektiven der Wirklichkeit und unserer furchtbaren Aufgabe darin eröffnen, daß diese Offenbarung uns entweder in den Wahnsinn treibt, oder uns aus der tödlichen Erkenntnis in den Frieden und den Schutz eines neuen dunklen Zeitalters flüchten läßt.“ {Howard P. Lovecraft; ‚Call of Cthulhu’}
    Unser sehnsuchtsvoller Blick zu den Sternen war stets von der faszinierenden Hoffnung beseelt, dort mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf verständige Andere treffen zu können, die uns gleichsam als ideal überhöhter Spiegel zur Vergewisserung der Menschheit als Gattung verhelfen könnte. Daß diese Hoffnung uns auch grausam trügen könnte, äußern in jüngster Zeit Exobiologen zunehmend mit warnenden Stimmen. Es ist in der Tat möglich, daß außerhalb unseres begrenzten Wahrnehmungsbereiches andere Wesen existieren. Andere Kreaturen, Rassen, Konzeptionen und Intelligenzen. Einige davon sind uns wahrscheinlich an Intelligenz deutlich überlegen. Was aber läßt uns glauben, daß diese Wesen in irgendeiner Weise überhaupt eine spirituelle Natur eignen, und nicht vollkommen amoralisch handeln, etwa parasitär und expansiv wie Schleimpilz und Schimmel. Es ist nicht völlig abwegig, daß etwa die massenhafte Produktion von nanotechnischen Partikeln (Smart Dust) vorgenommen wird, die in gewisser Weise als ‚intelligente Naniten’ auf mikrobieller oder molekular-genetischer Ebene im lebendigen Zellstoffwechsel operieren könnten, vermittelt, bzw. aktiviert durch ultrahoch-frequente Energieeinkopplung/ Bestrahlung. Der forcierte Ausbau des 5G-Standards scheint ein derartiges Szenario vorbereitend möglich zu machen. Selbst ein gehobener Intellekt bei Technokraten garantiert nicht dafür, daß nicht auch eine kultivierte ‚Bösartigkeit’ der Idee von einem irdisch denkbaren Glück, oder gar möglichen kosmischen Harmonie des diplomatischen Austausches des universellen Lebens hohnsprechen könnte.
    Was uns eine logisch basierte Wissenschaft zu vermitteln versucht, ist, daß wir lediglich in einem vermeintlich tauben und schicksalsblinden, und mit unserer eigenen zugestandenen Ausnahme ansonsten toten Universum existieren würden. Mit der Verbannung sämtlicher Schöpfungsmythen leugnen wir jedwede Absichtlichkeit auf dem Grund des Seins, nachdem wir bereits Verzicht geleistet haben auf irgendwelche Sinnhaftigkeit und Zielsetzung. Somit generieren die selbstgesetzten Zwecke nur immer neue Zweckmäßigkeiten mit jeweiliger Referenz wiederum nur auf sich selbst.
    In dieser Weise liefert der wissenschaftliche Rationalismus aber als Mechanismen der Verdrängung des mythopsychologischen Grauens vor der eigentlich auch für den modernen Menschen kaum verdrängbaren Un-Heimlichkeit am irdischen Dasein. Die Tiefe des Schweigens in der absoluten Schwärze des Alls hat etwas Lauerndes.
    „Das ist nicht tot, was ewig liegt ..“, warnte H.P.Lovecraft in seinen Schriften zum phantastischen Realismus, und mahnte vor der Realität des Phantastischen. Dort in kosmischen Abgründen lauerten seit Äonen die Großen Alten’ im bewußtlos brütenden Dämmern, und warten auf den Tag ihrer Wiederkunft. Es soll sich nach gnostischer Lehre um die Archonten handeln (die biblisch als Elohim in Mehrzahl erwähnt sind), jene großen kosmischen ‚Baumeister’ und prometheischen Ingenieure der belebten Welten an der Seite des Schöpfer-Gottes (biblisch bekundet: „Laßt uns Menschen machen, nach unserem Bilde“). Die offizinale Kirchengeschichtsschreibung versuchte die tiefen Einsichten der frühchristlichen Gnosis von der wirklichen Beschaffenheit der Welt zu unterdrücken. In den Schriften von Nag Hammadi (ca. 4 n.Chr. Jhrd.; Entdeckung erst im Jahr 1945) findet sich die Nennung des Demiurgos als Schöpfer einer illusionären ‚Realität’, und seiner kosmischen Architekten, den sog. Archonten. Aber mit derem Sturz und Fall in der Folge des anmaßenden Mißbrauchs ihrer göttlichen Vollmachten, fiel auch ein finsterer Schatten in die Welt. Abgekoppelt von der lebendigen Schöpferkraft wirken sie auf der leblosen Ebene der technologischen Machenschaft einer künstlichen Intelligenz (KI). In den gnostischen Texten des frühen Christentums wird die physikalische Realität als eine Simulation bezeichnet. Diese Matrix der Illusion wird dort übrigens mit „HAL“ bezeichnet (in Stanley Kubriks Odyssee 2001 verweist der Name des zentralen Bordcomputers HAL auf dessen Kern heuristischer Algorithmen)
    Möglicherweise ist die Wahrnehmung einer all-umfassenden Dunkelheit beim Blick in den nächtlichen Himmel, gerade auf jene Dämpfung des Lichts durch einen dunklen Schleier der Matrix unseres Daseins in einer ‚abgefallenen Schöpfung’ zurückzuführen.
    Abgeschieden von den Sphären göttlichen Lichtes, dringt es zu uns lediglich als spektrale Schatten. Es ist eine Buntheit auf der Skala der ‚fifty grades of shades’. Man ist erinnert an das sog. Olbert-Paradoxon, wonach in Anbetracht von Abermilliarden Sternen, das All eigentlich mehr als taghell erleuchtet sein müsse. Der radiale Lichtverlust aufgrund großer Distanzen ist bislang nur eine unzureichende Erklärung für dieses Phänomen. Einige thesenhafte Vermutungen in der modernen Physik postulieren eine sog. ‚dunkle Materie’, die zwar die zu erwartende Masse darstelle, selbst jedoch nicht im optischen, bzw. elektromagnetischen Spektrum nachweisbar sei.
    Möglicherweise ist aber gerade die rationale Wissenschaftlichkeit der Ausdruck für eine Verengung des Spektrums der Wahrnehmung überhaupt, von dem was eigentlich Ist.
    In den Schriften von H.P. Lovecraft würden die ‚Großen Alten’ (Archonten) auf einen weckenden Ruf in nicht allzu langer Frist dereinst wiederkehren. Es scheint indes, daß das, was prähistorisch archaische Riten, schamanische Schellen und Trommel, und das dissonante Pfeifen ‚blasphemischer’ Flöten (Lovecraft), bislang nicht vermocht haben, nunmehr durch das techno-logische Getöse unserer Zeit gerade ein solcher Weckruf für jene apokalyptischen Kräfte weit hinaus in die Tiefen des Alls schallt.

    *

    „ Ausgesetzt zur Existenz “ – warum der Mensch ein Schicksal ist
    – vom Ausgang aus der unverschuldeten Absurdität –
    Franz Sternbald

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.