Ray Bradbury – Die Sense

Ray Bradbury – Die Sense

Eines Morgens blickst du aus einem Fenster der Gruselstube auf ein weites Weizenfeld. War es gestern schon dagewesen? Die Sense, die neben dem Fenster lehnt, war es ganz sicher nicht. Du verspürst den unerklärlichen Drang, deine Arbeit auf dem Feld aufzunehmen, ahnend, dass es nicht nur Weizen ist, den du ernten wirst. Du nimmst Die Sense von Ray Bradbury.

Drew Erickson ist ein verarmter Farmer, der mit seiner Familie im Auto lebt und auf der Suche nach Arbeit durch die Vereinigten Staaten fährt. Es ist das Jahr 1938 und das Land erlebt im Zuge einer weltweiten Wirtschaftskrise massenhafte Armut. Die Ericksons sind nur eine Familie, die davon betroffen ist, doch auch sie leiden unter der zunehmenden Perspektivlosigkeit.

Mitten im Nirgendwo geht der Familie der Sprit aus. Lediglich ein Haus, das abgeschieden zwischen weiten Weizenfeldern steht, verspricht Hilfe. Doch niemand reagiert auf Drews Klopfen. Da die Eingangstür nicht abgeschlossen ist, betritt er mit einem unguten Gefühl das Haus und spürt direkt die Anwesenheit des Todes.

Im Schlafzimmer findet er tatsächlich die Leiche eines alten Mannes, der seinen Tod erwartet zu haben schien und sich vor seinem Ableben in einen alten Anzug gekleidet hat. Neben ihm ruht eine große Sense, zwischen seinen Fingern steckt ein zusammengefalteter Zettel.

Die Sense verändert das Leben von Drew Erickson

Wie sich herausstellt, ist es ein Testament, dessen Inhalt Drew und seine Familie verblüfft. Der alte Mann vermacht sein Haus und alles dazugehörende Land an denjenigen, der ihn als erstes findet. Dies verwundert die Ericksons zwar, doch in ihrer Not nehmen sie diese Gelegenheit dankbar an und ziehen in das Haus ein, dessen Vorräte noch immer frisch und zahlreich vorhanden sind.

Nachdem sich die Ericksons eingerichtet haben, macht sich Drew an die Arbeit. Instinktiv weiß er, dass er den Weizen auf dem Feld mit der Sense mähen muss. Doch das reife Korn verfault sofort, nachdem er es geschnitten hat und macht Platz für neue, schnell wachsende Halme. Drew nimmt die Arbeit dennoch hin, denn immerhin geht es seiner Familie gut, solange sie in dem Haus leben.

Drew scheint die Tätigkeit, so sonderbar sie auch ist, zunächst harmlos zu sein. Jeden Tag mäht er den Weizen, jeden Tag bleiben nur verfaulende Ähren zurück. Eines Tages spürt er jedoch, dass mehr hinter seiner Aufgabe steckt. Klagende Stimmen dringen an seine Ohren. Erst ahnt er, welchen Sinn die Sense hat, bald weiß er es.

Drew Erickson hat eine Rolle übernommen, die so alt ist, wie die Zeit selbst. Er erntet nicht den Weizen, sondern das Leben. Das Leben aller Menschen, sie alle repräsentiert durch einen der Halme. An dieser Erkenntnis droht Drew zu zerbrechen und trifft eine verhängnisvolle Entscheidung.

Millionenfaches Sterben – nah und fern

Ray Bradbury schreibt Die Sense im Jahr 1943. Während der Zweite Weltkrieg tobt, macht sich der junge Schriftsteller, der heute vor allem für seinen dystopischen Roman Fahrenheit 451 bekannt ist, viele Gedanken über den Tod, was sich auch in vielen seiner Geschichten widerspiegelt.

Die Sense ist dafür nicht das einzige Beispiel. In der Geschichte Der Wind, die im gleichen Jahr erscheint, ebenfalls im Magazin Weird Tales. In ihr verfolgt Herb Thompson über das Telefon mit zunehmender Beunruhigung die Todesangst seines Freundes Allin, der sich von einem übernatürlichen Wind verfolgt sieht.

Herb sieht sich jedoch verpflichtet, den Abend mit seiner Frau und ihren Gästen zu verbringen. Allins Leiden im Hinterkopf, merkt er irgendwann an, wie seltsam es ist, an das massenhafte Sterben zu denken, das sich tagtäglich abspielt. In einer zunehmend durch Technologie vernetzten Welt rückt die Menschheit zusammen, bleibt sich aufgrund der realen Entfernung aber doch fremd.

Drew Erickson trifft diese Erkenntnis in Die Sense mit voller Wucht. Durch seine neue Aufgabe als wortwörtlicher Sensenmann ist er dem Tod so nah wie niemand anders und ahnt die Qualen, welche die Sterbenden durchleiden, ohne etwas dagegen tun zu können. Mit dieser beunruhigenden Situation stellt Ray Bradbury sehr eindrücklich die Machtlosigkeit des Einzelnen dar, angesichts des Wissens um den ständig präsenten Tod, der trotz aller Möglichkeiten nicht verhindert werden kann. 

Beitragsbild gestaltet mit canva.com 

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