Das Leben von Robert H. Barlow

Das Leben von Robert H. Barlow

Es ist nur die kleine Ecke eines großen Regals in der Gruselstube, die von seinen Schriften ausgefüllt wird. Doch du ahnst, dass sein Werk bedeutender ist, als es auf den ersten Blick scheint. Dennoch fragst du dich: Wer ist Robert H. Barlow?

Im Jahr 1931 erreicht den Schriftsteller H. P. Lovecraft der Brief eines jungen Fans. Ihn erreichen viele solcher Briefe, seitdem er durch seine Geschichten, die vor allem im Magazin Weird Tales veröffentlicht werden, einem großen, zumeist jugendlichen Publikum bekannt geworden ist. Doch aus diesem Brief wird sich schließlich eine tiefe Freundschaft entwickeln. Der Absender ist der 13-jährige Robert Hayward Barlow.

Barlow wird am 18. Mai 1918 in Kansas geboren, zieht aber bald wieder um. Sein Vater, der Offizier Everett Darius Barlow, wird an verschiedenen Stützpunkten in den Vereinigten Staaten stationiert und findet erst nach seiner ehrenhaften Entlassung im Jahr 1932 eine dauerhafte Heimat in Florida. Für seinen Sohn bedeutet dies, dass er nur eine unregelmäßige schulische Ausbildung erhält, sich aber zeitlebens auch eine Ungebundenheit bewahrt, die ihm viele Türen öffnet.

Im Alter von 16 Jahren verlässt er erstmals sein Elternhaus und zieht im Jahr 1934 nach Washington D.C., wo es ihn aber nicht lange hält. Nach einer kurzen Rückkehr zu seinen Eltern nach DeLand in Florida, besucht er das Kansas City Art Institute und das San Francisco Junior College. Schließlich zieht er bei einer Familie namens Beck im kalifornischen Lakeport ein. Die Becks haben eine kleine Druckerei, was Robert Barlow bei seinen eigenen Interessen nützt.

Lovecraft und Robert H. Barlow – eine literarische Freundschaft

Denn im Jahr 1936 hat sich die Freundschaft zwischen Barlow und Lovecraft bereits verfestigt. Lovecraft, der das Potenzial des Jugendlichen erkennt, unterstützt Barlow bei dessen ersten Geschichten, wie The Night Ocean. Auch persönliche Besuche finden statt, wenn Barlow sich in seinem Elternhaus in DeLand aufhält. Lovecraft trifft sich gerne mit seinem Protegé und verbindet diese Reisen mit Besuchen bei dem Priester Henry S. Whitehead, seinem anderen guten Freund in Florida.

Robert Barlow freut sich vor allem über unveröffentlichtes Material seines Vorbilds. Von der Kurzgeschichte Das gemiedene Haus ist er so angetan, dass er sie in Eigenregie in einer verschwindend geringen Auflage herausgibt. Bei der Familie Beck veröffentlicht er eine Abschrift von Lovecrafts Commonplace Book, seinem umfassenden Notizbuch, dessen Einträge er selbst abtippt.

H. P. Lovecraft im Juni 1934
H. P. Lovecraft im Juni 1934 / Fotographie von Lucius B. Truesdell, gemeinfrei

Für H. P. Lovecraft ist es also naheliegend, seinen jungen Freund zu seinem literarischen Nachlassverwalter zu bestimmen. Solche Entscheidungen scheinen notwendig, denn Anfang des Jahres verschlechtert sich Lovecrafts Gesundheitszustand zusehends. Am 15. März stirbt der Schriftsteller in seiner Heimatstadt Providence und Robert Barlow beginnt nach Erhalt der Todesnachricht direkt mit seiner neuen Arbeit.

Nachlassverwalter von H. P. Lovecraft

Barlow erhält von Lovecrafts Tante Annie Gramwell die kompletten literarischen Hinterlassenschaften des Verstorbenen und die Zusage mit 3% am Gewinn aus etwaigen Veröffentlichungen beteiligt zu werden. Einen Großteil der Notizen und Manuskripte des Schriftstellers übergibt Barlow der Brown University in Lovecrafts Heimatstadt Providence.

Zwar transkribiert Barlow viele von Lovecrafts Notizen und veröffentlicht diese, dessen Kurzgeschichten erfahren jedoch zunächst keine Neuveröffentlichung. Ein Umstand, der August Derleth und Donald Wandrei, zwei weitere Freunde von H. P. Lovecraft nicht zufrieden stellt. Diese wollen ihrem verstorbenen Freund endlich die Buchveröffentlichung geben, die er zu Lebzeiten nie erfahren hat.

Sie holen sich bei Barlow die Erlaubnis ein, in ihrem eigens zu diesem Zweck gegründeten Verlag Arkham House, einen Band mit Kurzgeschichten von H. P. Lovecraft zu veröffentlichen. The Outsider and other Stories erscheint im Jahr 1939 mit der Zustimmung von Robert H. Barlow und Lovecrafts Tante Annie Gramwell.

Robert H. Barlow ist zu diesem Zeitpunkt immer noch jung, gerade einmal 21 Jahre alt. Zwar ehrt ihn die Tätigkeit als Lovecrafts literarischer Nachlassverwalter, doch sie erfüllt ihn nicht. Noch immer sucht Barlow nach seinem Platz im Leben und beginnt im Jahr 1941 schließlich ein Studium der Linguistik im kalifornischen Berkeley.

Dabei wuchs sein Interesse an der spanischen Sprache und der mexikanischen Kultur. Insbesondere die vorkoloniale Zeit und das Reich der Azteken faszinieren ihn. Barlow lernt Nahuatl, die alte Sprache der Ureinwohner und zieht dauerhaft nach Mexiko.

Ein jähes Ende in Mexiko City

Barlow beteiligt sich weiterhin an der Nachlasspflege von Lovecrafts Werken. Er assistiert bei weiteren Veröffentlichungen bei Arkham House und verfasst 1944 eine Kurzbiographie zu Lovecraft. Gleichzeitig steigt er jedoch auch die akademische Karriereleiter hinauf. 1948 wird er Lehrstuhlinhaber für Anthropologie in Mexico City.

Mit seinen 30 Jahren gilt er bereits als Experte für mesoamerikanische Kultur, studiert neben der Kultur der Azteken auch jene der Mayas, unternimmt Exkursionen zu alten Tempeln und in tiefe Dschungel. Doch in jenen Jahren liegt bereits ein Schatten über dem Leben von Robert Barlow, der sich bereits seit Jahren über den eigenen Tod Gedanken macht.

Sind es Depressionen, die Robert Barlow quälen? Er führt, so scheint es, ein Doppelleben. Barlow ist homosexuell, was in der damaligen Zeit ein gesellschaftliches Tabu darstellt. Ein Student erfährt von der Sexualität seines Dozenten und erpresst ihn mit dieser Erkenntnis.

Wahrscheinlich am Neujahrstag des Jahres 1951 entscheidet Robert H. Barlow, sich das Leben zu nehmen. Er stirbt an einer Überdosis Schlaftabletten und wird erst einige Tage später gefunden. An seiner Tür finden sich Schriftzeichen in der Sprache der Maya: „Stört mich nicht, denn ich wünsche, eine lange Zeit zu schlafen.“

Beitragsbild gestaltet mit canva.com 

 

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